Freitag, 15. Juni 2012

Die Shakespeare Schwestern von Eleanor Brown


„Was, wenn der Name, den man Ihnen gegeben hat, bereits von jemandem getragen wurde, der in derart intensiv ausgefüllt hat, dass allein seine Erwähnung den ursprünglichen Träger ins Gedächtnis ruft und Ihr Dasein zu wenig mehr als einem Echo verblassen lässt?“ (72)
So ähnlich ergeht es den drei Töchtern der Andreas Familie, die allesamt von ihrem literatur-verrückten Vater nach Shakespeare-Figuren benannt wurden. Da wären die bodenständige und loyale Rosalind, benannt nach der weiblichen Hauptfigur in der Komödie Wie es euch gefällt, Bianca, deren Name von Cassios Liebhaberin in Othello stammt, und das Nesthäkchen Cordelia, die sich den Namen mit der jüngsten Tochter King Lears teilt. Doch nicht nur haben die drei jungen Frauen Probleme, sich gegen ihre fiktiven Pendants zu behaupten und dem ihnen somit vorgeschriebenen Schicksal zu entfliehen, sie haben auch miteinander so ihre Schwierigkeiten. Und diese kommen unausweichlich zum Vorschein, als es alle drei Schwestern wieder in ihr elterliches Heim in den Mittleren Westen treibt. Dort kämpft ihre Mutter gegen den Brustkrebs und die Schwestern kämpfen mit sich selber. „Denn die Geheimnisse von Schwestern sind Schwerter.“ (200) Es versteht sich von selber, dass die Schwestern ihre Sorgen nicht ewig für sich behalten können…
Eleanor Brown schrieb mit Die Shakespeare Schwestern einen Roman, der die Dynamiken hinter schwesterlichen Beziehungen beleuchtet und den wahren Auslöser, der die Schwestern in ihre misslichen Situationen brachte, ausfindig macht. Denn so verschieden Rose, Bean und Cordy (die ihre Spitznamen benutzen, um sich vom literarischen Vorbild abzugrenzen und neu zu erfinden) auch sind, so sind sie letztendlich doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt. Das ist es auch, womit der Roman den Leser fesselt: Ein bisschen von jeder Schwester steckt in jedem von uns. Darüber hinaus wird das Debüt Browns aus einer interessanten Perspektive geschildert - über weite Strecken wird mit der ersten Person Plural, dem wir, erzählt. Da fällt es manchmal schwer zu entscheiden, welche der drei Schwestern sich gerade mit ihrer Version der Geschichte durchsetzt. Außerdem sind die vielen Shakespeare-Zitate, die die Schwestern und ihre Eltern in ihre Rede einflechten, sehr erfrischend. Eher frustrierend ist leider, dass es zu wenige Hintergrundinformationen über die Shakespeare-Charaktere gibt. Dies mag jedoch an der deutschen Leserschaft liegen, die auch mit einer Eins-zu-Eins-Übersetzung des englischen Originaltitels, The Weird Sisters, größtenteils nicht auf Anhieb hätte etwas anfangen können. Viel störender ist für mich deswegen auch das Ende des Romans, welcher zumindest für mein Empfinden ein bisschen zu aalglatt und  kitschig verebbt.

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die erste Ausgabe, die im Mai 2012 bei Insel Taschenbuch erschien. Vielen Dank an den Verlag und an Lovelybooks für das Exemplar!

Freitag, 20. April 2012

Literat des Tages: Bram Stoker

Heute vor genau 100 Jahren ist er gestorben, der Autor von Dracula (1897). Es scheint, als habe der irische Novelist, der sich unter anderem am Lyceum Theatre in London engagierte und eine enge Freundschaft zum Schauspieler Henry Irving pflegte, bereits beim Schreiben seines Gothik-Romans eine eventuelle Umsetzung in ein anderes Medium im Hinterkopf gehabt. Zwar blieb es Stoker versagt sowohl den Erfolg seines Romans als auch die Adaption seiner Vampir-Figur in zahlreichen Theater- und Filmproduktionen mitzuerleben, doch sein Einfluss auf das Genre der Horrorfiktionen ist unbestreitbar. Die Themen und Motive, die in Dracula adressiert werden, wie beispielsweise der Wunsch nach ewigem Leben und einem Jungbrunnen, sind nun mal zeitlos. Und auch wenn zeitgenössische Vampirfiguren wie Edward aus der Twilight-Saga auf den ersten Blick nicht mehr viel mit dem Auftreten des Bela Lugosi als Dracula-Darsteller zu tun haben, so tragen sie dennoch zur Unsterblichkeit des Mythos bei.


Unter dem folgenden Link findet ihr eine interessante Reportage des ZDF:

Donnerstag, 5. April 2012

Rezension: Agnes von Peter Stamm



„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ (9) Mit diesen Worten beginnt Stamms Debütroman. Das schürt natürlich die Neugierde der Leser. Und in der Tat erwartet uns in dem nur knapp 150 Seiten dünnen Roman ein bewegendes Portrait einer Beziehung, die zum scheitern Verurteilt ist. Dass der Leser dies von Anfang an weiß, nimmt dabei nichts von der Spannung, denn zu sehr wird man einfach in den Bann gezogen, den dieses Spiel des Pärchens entwickelt.
Erzählt wird die Liebesgeschichte aus seiner Sicht. Der namenlose Schweizer Sachbuchautor und gescheiterter Literat lernt während eines Rechercheaufenthalts in Chicago die jüngere Physikstudentin Agnes kennen. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick. Und tatsächlich kommen die beiden sich bald näher. Trotz dieser Distanz, diesem Fremden, das ihn Agnes einfach nicht richtig einschätzen lässt. Als Agnes von seinen literarischen Gehversuchen erfährt, bittet sie ihn, ein Portrait von ihr zu schreiben. Dieses dehnt sich aus zu einer Geschichte, die die gesamte Beziehung der beiden resümiert. Schließlich kommt der Autor in der Gegenwart an. Nun widmet er sich in seinem Geschriebenen der Zukunft des Paares, entwirft fast wie ein Drehbuchautor Szenen des Beisammenseins, welche die beiden dann nachstellen. Doch irgendwann wird das dem Pärchen zu langweilig: „,Es muß etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird’, sagte ich endlich zu Agnes. ,Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?’ ,Doch’, sagte ich, ,aber Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?’“ (68) Wie soll es aber mit den beiden weitergehen, wenn die Geschichte ein Ende gefunden hat? Und wie soll sie überhaupt enden? Es beginnt allmählich, in der Beziehung zu krieseln. Was die beiden einst zusammenschweißte, entfremdet sie nun voneinander. Und als dann etwas passiert, das so nicht in der Geschichte vorgesehen war, eskaliert die Situation…
Stamms Roman schafft es, auf wenig Raum viel Platz für die Entwicklung seiner beiden Charaktere zu schaffen. Für eine Liebesgeschichte ist der Roman nicht kitschig genug, für einen Psychothriller schlägt er dennoch eher zu kleine Wellen. Und doch ist er genau richtig. Außerdem versteckt sich hinter der Handlung nicht nur eine Studie über zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch über die Schärfe der geschriebenen Worte und wie Fiktionen unser Bild vom Sein beeinflussen. Letztendlich kreiert doch jeder Mensch in seinem Kopf dutzende Geschichten, Lebensentwürfe, nimmt Ereignisse vorweg und spielt Situationen im Voraus durch. Dabei weiß doch jeder, dass es am Ende doch ganz anders kommt. Mit seiner Fiktion über die  Macht der Fiktion bringt Stamm den Leser mit ruhigen Worten laut polternd auf den Boden der Tatsachen zurück. Agnes ist ein Buch, das über die Geschichte, die in ihm erzählt wird, hinaus ragt und auch über die Natur des Schreibens an sich erzählt.


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Die Seitenangaben beziehen sich auf die 4. Auflage, die im Januar 2011 im Fischer Taschenbuch Verlag erschien. Erstveröffentlicht wurde der Roman 1998.

Dienstag, 3. April 2012

Link-Tipp: Yale Courses online!

Zwar nicht neu, aber dennoch interessant: Die Yale University stellt teilweise ganze Vorlesungsreihen online! Für das lesebegeisterte Publikum besonders interessant sind dabei

(durchgenommen werden unter anderem Nabakov, Roth und Salinger)

und 

(beschließt den Kurs mit der Vorlesung "Who doesn't hate theory now?").


 


Zitat der Woche