Freitag, 23. Dezember 2011

Rezension: Timequake von Kurt Vonnegut


Timequake ist der letzte Roman Vonneguts, insofern man dieses Buch überhaupt als Roman bezeichnen kann. Denn Timequake besteht einerseits aus einer Inhaltszusammenfassung des eigentlichen Romans Timequake, den Vonnegut nun mit Timequake One bezeichnet und niemals veröffentlicht hat, und autobiografischen Anekdoten andererseits. Dabei steht Vonnegut oftmals im Dialog mit Kilgore Trout, dem fiktionalen Autor, den Vonnegut sich als eine Art Alter Ego schuf und der darüber hinaus auch in Timequake One eine entscheidende Rolle spielt. Die Idee hinter Timequake One ist nämlich, dass die Menschen im Jahr 2001 (was zur Zeit der Veröffentlichung von Timequake, 1997, noch die Zukunft war) durch ebenjenes ‚Zeitbeben’ ins Jahr 1991 zurückversetzt werden und alles, was in diesen 10 Jahren passiert ist, noch einmal durchleben. Dabei sind sie sich zunächst bewusst, alle Dinge noch mal zu tun, allerdings können sie daran nichts ändern, müssen jeden ihrer Fehler konsequent zum zweiten Mal machen und sitzen wie ferngesteuert in dieser Schleife fest. Und während dies zu einer ausgeprägten Gleichgültigkeit führt, bleibt Trout jedoch putzmunter. Als 2001 der freie Wille endlich wieder in Kraft tritt, ist er der einzige, der nicht von PTA, ‚Post-Timequake Apathy’, befallen ist und wird so zum Helden der Geschichte.
Obwohl Timequake in Kapitel unterteilt ist, sind diese Einteilungen eher willkürlich. Generell ist dieses Werk Vonneguts sehr fragmentiert und von vielen Gedankensprüngen gekennzeichnet. Die vielen Abschnitte zwischen den einzelnen (klitze-)kleinen Erzähleinheiten scheinen den Eindruck erwecken zu wollen, der Autor habe seine Geschichte, also die von Timequake One und seine Lebensgeschichte, so nieder geschrieben, wie sie ihm gerade häppchenweise in Erinnerung kam.
Grundsätzlich ist die Idee des Timequakes und welche Auswirkungen es auf das menschliche Verhalten hat sehr interessant. Für Fans von Vonnegut ist Timequake auch sicherlich ein sehr interessantes Buch, Vonnegut-Neulinge sollten allerdings erst einmal zu seinen bekannten Werken wie Slaughterhouse-Five greifen. 

Sonntag, 18. Dezember 2011

Link-Tipp: Reclam trifft auf GNTM

Das ist Dramatik, wie sie nur das Leben schreibt. Oder das Fernsehen. Aber wo ist da schon der Unterschied!?

Zwei Berliner Kommunikationsdesignstudenten haben sich im vergangenen Sommersemester die Mühe gemacht, das Staffelfinale von Germany's Next Topmodel zu transkribieren. Das Werk, das mit seinem Reclam-Cover den Klassikern nacheifert, ist betitelt Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet. Oder auch nicht. Denn auch hier eifert man einem Klassiker nach - Viel Lärm um Nichts. Trotzdem spornt dieses Projekt dazu an, mal den Stellenwert der Castingshows in unserer Gesellschaft zu überdenken.
Und wer denkt, man bekäme so das GNTM-Finale ohne die nervigen Werbeunterbrechungen, der irrt: Diese wurden zwar nicht transkribiert, dafür aber mit ambitioniert abstrakten Fotografien ersetzt. Die sehen zwar nett aus, nerven teilweise aber genauso, wobei sie andererseits den Kontrast zwischen bedeutungsloser Prime Time Beschallung und Kunst hervorheben. Und im Gegensatz zur Fernsehshow Denkvermögen voraussetzen.

Im Folgenden könnt ihr das Ganze umsonst online lesen (eine Printversion gibt es - noch? - nicht):


Mittwoch, 14. Dezember 2011

Link-Tipp: 21 Words

Zeit ist Geld, das wissen wir ja schon lange. Und da es ja schon Twitter-Kurzprosa mit einem Wortlimit von 140 Zeichen gibt, wird es auch langsam Zeit, die Länge von Buchbesprechungen zu überdenken. Oder? Für all diejenigen, denen ich zu viel um den heißen Brei herumschreibe, gibt es jetzt eine Plattform, die für Rezensionen ein Limit von 21 Wörtern angesetzt hat. Mitmachen kann jeder und rezensiert werden nicht nur Bücher, sondern auch Filme, Videospiele, Musik und viel mehr.


Hier noch ein kleines Beispiel: So sieht dann in etwa eine komprimierte Version meiner Rezension von Jonathan Safran Foers Extremely Loud and Incredibly Close aus:

(Ausschnitt von http://www.21words.net/reviews.html?cat=Books&title=Extremely+Loud+And+Incredibly+Close)



Grundsätzlich finde ich die Idee hinter 21 Words sehr interessant; den Gesamteindruck eines 500-Seiten-Schinkens auf 21 Wörter zu reduzieren stellt zumindest für den Verfasser der Rezension eine große Herausvorderung dar. Leider wählt nicht jeder seine 21 Wörter sehr sorgfältig, so dass manche dieser Rezensionen Stammtischparolen ähneln. Und auch wenn sie einen guten ersten Eindruck vermitteln, so ersetzen diese Rezensionsschnipsel doch keine gründliche Buchbesprechung.



Dienstag, 13. Dezember 2011

Rezension: The Age of Longing von Arthur Koestler

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Koestlers Roman aus dem Jahr 1950, wie er selbst in einer Notiz voranstellt, “merely carries the present one step further in time“. So ist die Handlung im Paris Mitte/Ende der 1950er Jahre angesiedelt, während die demokratische USA und die sozialistisch-kommunistische Commonwealth of Freedomloving People um die Vorherrschaft in Europa kämpfen. Im Laufe von Feierlichkeiten zum Bastille Day treffen Hydie, eine Tochter aus wohlhabendem amerikanischem Hause, die einst im Kloster lebte, derweil aber frisch geschieden ist, und Fedya Nikitin, sowjetischer Kulturattaché, zufällig aufeinander. Und weil ja bekanntlich das Verbotene umso spannender ist, treibt das sich entwickelnde Verhältnis zwischen den beiden die Handlung des Romans voran and vertieft zudem das grundlegende Thema das Romans: Sehnsucht und Verlangen. Wonach? Das scheint zu Zeiten des drohenden Aufruhrs keine Rolle mehr zu spielen. So beschreibt Hydie ihre Faszination für Fedya wie folgt: „He had faith, she thought with hungry envy, something to believe in. That was what made him so fascinating and unlike all the people she usually met - so unlike her father or herself, not to mention the Three Ravens Nevermore. At last somebody who did not live in a glass cage.” (40) Doch Hydies romantische Gedanken werden schon bald von der politischen Realität eingeholt. Der erste Teil von Koestlers Roman endet - ohne zu viel zu verraten - mit einem Ereignis, das die Situation um die drohende Übernahme Frankreichs durch eine der beiden Großmächte zuspitzen wird. Diese Ereignisse werden allerdings nur kurz und knapp in einem Zwischenspiel abgehandelt, welches Koestler bezeichnet als „chapter from an as yet unwritten history book“ und welches sich, untypisch für ein Geschichtsbuch, durch eine markante Metaphorik auszeichnet. Im darauf folgenden zweiten Teil herrscht wieder die Ruhe nach beziehungsweise vor dem Sturm. Koestlers Idee scheint zu sein, dass genau zu solchen Zeiten des ‚Wartens’ die wahre menschliche Natur zum Vorschein kommt. Das, was uns motiviert; das, was uns ausmacht. Darin offenbart sich vor Allem ein Trugschluss: Sich nach Allem zu sehnen, was abwesend ist, verwandelt das potentiell Anwesende in ein Nichts. In solchen Fällen kann die Sehnsucht nicht nur Herzen brechen, sondern auch Kopf und Kragen kosten.

Koestler entwirft ein beklemmendes Szenario der Zukunft, das natürlich zum Zeitpunkt des Verfassens fast schon eher gegenwärtig als zukunftsweisend war. Trotzdem ist es auch für heutige Leser, die vielleicht den Kalten Krieg gar nicht bewusst miterlebt haben, sehr interessant, da die Fragen bezüglich menschlicher Handlungsmotive in Gegenwart einer ungewissen, aber scheinbar gewiss doch hoffnungslosen Zukunft Universalcharakter haben. Denn ähnlich wie Hydie, dem Aushängeschild einer Generation von unentschiedenen (Luxus-)Problemkindern, geht es doch heute vielen jungen Erwachsenen - wir Fragen uns, wie lange es uns noch so gut gehen wird, und weil wir fest davon überzeugt sind, dass uns bald, irgendwann, etwas Schlimmes widerfahren wird, lassen wir uns die Leichtigkeit des Seins auch von niemandem erschweren. Und obwohl wir uns rücksichtslos so sehr mit uns selber beschäftigen, merken wir gar nicht, dass wir uns selbst eigentlich nur im Weg stehen.     

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Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 1951 bei Macmillan erschien.  

Freitag, 9. Dezember 2011

Link-Tipp: Interview mit Joyce Carol Oates

Interviews mit ihr sind selten, lange Interviews seltener. Für The Bat Segundo Show hat Joyce Carol Oates kürzlich dennoch ein 36-minütiges Interview gegeben und diskutiert unter anderem Gewalt und Albträume in der Erzählliteratur, schreibende Frauen, das Wort "glisten" und den Reiz des Staubsaugens.

Wer sich das (englischsprachige) Interview anhören möchte, der klickt bitte den folgenden Link an:



Und für diejenigen, die sich fragen, wer überhaupt Joyce Carol Oates ist: Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren und ist Autorin unzähliger Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher, sowie Fachliteratur. Viele ihrer Romane drehen sich inhaltlich um zwischenmenschliche Beziehungen sowie die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei beleuchtet sie stets neue Milieus - ob reich oder arm, urban oder ländlich, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, jung oder alt...  Dennoch gibt es immer wieder Romane, die von diesem Schema abweichen, wie beispielsweise ihre Gothic Saga Anfang der 1980er Jahre oder ihre biofiction Blonde über das Leben von Marilyn Monroe. Außerdem unterrichtet sie Creative Writing in Princeton.


Mittwoch, 7. Dezember 2011

Artikel: „Look too closely, […] and you will see monsters.“ - Jacksons “My Body - A Wunderkammer” bringt Fragen der Weiblichkeit auf den G-Punkt. G, wie Gesellschaft.

Shelley Jacksons Hypertext „My Body - A Wunderkammer“ aus dem Jahr 1997 präsentiert sich als autobiografisches Werk, in welchem die Autorin vor allem ihr Heranwachsen als Künstlerin und Frau thematisiert. Zentral ist dabei die Gleichung vom Körper als Text, die Inhalt und Form vereint. Im Folgenden ein paar grundlegende Gedanken.

Klickt hier, um zu Jacksons Text weiter geleitet zu werden.

Klickt man auf die Startseite von Shelley Jackson’s „My Body - A Wunderkammer“ und schlägt somit die erste Seite dieser Autobiografie auf, so erscheint eine Grafik eines Frauenkörpers, dessen Körperteile unterteilt und mit Links versehen sind. Klickt man diese wiederum an, werden die einzelnen Lexia (Texteinheiten) angezeigt, welche auch untereinander verknüpft sind oder gar auf Lexia verweisen, die von der Ursprungsgrafik aus nicht abrufbar sind. Somit stellt Jacksons Werk, typisch für dieses Genre, den Leser vor eine große Herausforderung: Wo fange ich an zu lesen? In welcher Reihenfolge fahre ich fort? Es ist des Lesers Aufgabe, aus den einzelnen Lexia ein kohärentes Ganzes zu erstellen.

Wie der Titel bereits preisgibt, sieht Jackson ihren Körper als Wunderkammer. Dies beschreibt auch sehr schön den Leseeindruck, denn von autobiografischen Realismus scheint die Autorin nicht besonders viel zu halten - so widmet sie beispielsweise ihrem Schwanz ein eigenes Kapitel und vertieft dort auf einer symbolischen Ebene einen Kernkonflikt ihrer Identität: die Spannung zwischen biologischem Geschlecht und Gender, dem gesellschaftlich konstruierten Geschlecht. Ist mein Gender automatisch weiblich, weil ich körperlich weiblich bin? Wer bestimmt wie, was Weiblichkeit überhaupt ausmacht? Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung? Oder kann ich mir mein Gender letztendlich selber aussuchen?
Obwohl Jackson Gender denaturalisiert und seine Künstlichkeit herausstellt, verneint sie implizit dennoch die letzte Frage. Denn die Beschreibung ihres Heranwachsens ist geprägt von Situationen, in denen die Autorin schonungslos dem Urteil anderer ausgeliefert ist. Zwar ist Jackson als Jugendliche eigentlich  immer stolz auf ihre breiten Schultern und muskulösen Oberarme gewesen, ihre Klassenkameraden verfügten jedoch über die Macht, Zufriedenheit in Unwohlsein und Scham zu verwandeln.

„There’s a boy in here! Groups of girls stand around in conference, throwing glances at me. I do my best to look indifferent. Finally a spokesperson is elected, comes up: Are you a boy or a girl? The rest cluster around. My breasts, which I would just as soon hide from the world forever, are adduced as evidence. My clothes are plucked, assessed. Sometimes the interrogation is merely curious, sometimes it is hostile. It is all horrible to me. I wish I could keep my body out of the running, go to a third restroom, the one for monsters and hermaphrodites.”

Identität kann eben nicht nur allein aus innerer Überzeugung bestehen, sie braucht auch Bestätigung von außerhalb, da sie nur in Abgrenzung zu anderen Identitätskonstrukten existieren kann. Was insbesondere die Geschlechts-identität betrifft, so beschreibt Jackson eine Gesellschaft, in der ein starres Binärsystem dominiert, dessen zwei Komponenten, männlich und weiblich, als scheinbar natürlich propagiert werden. Daran vermag auch Jackson nichts zu ändern. Was sie allerdings kann, ist, uns darauf aufmerksam machen, dass dieses System eben weder natürlich noch absolut ist. In ihrem künstlerischen Spiel mit der (Geschlechts-)Identität liegt das Potential, den Diskurs über ebenjene subversiv zu unterlaufen. Ist der Körper ein Text, den die Gesellschaft schreibt und den das Individuum sich einverleibt, so kann das Individuum als Teil dieser Gesellschaft Passagen editieren. Das Ganze beeinflusst eben nicht nur das Teil, sondern das Teil beeinflusst auch das Ganze, ohne das es nicht existieren würde.


Freitag, 2. Dezember 2011

(Bastel-)Tipp: Lesezeichen

Es ist Dezember und alle Jahre wieder ist plötzlich schon bald Weihnachten. Wer noch keine Idee hat, wie man den eher unpersönlichen Amazon-Gutschein für seinen liebsten Bücherwurm mit etwas Persönlichem aufpeppen könnte, dem könnte diese Idee, die sich schnell und einfach in die Tat umsetzen lässt, gefallen: Gestaltet ein Bücherwurm-Lesezeichen!

So - oder so ähnlich - sieht ein solches Lesezeichen aus:


Alles, was ihr dafür braucht, sind 5 kleine Holzperlen, eine etwas größere Holzperle, sowie ein circa 30cm langes, schmales Band (alternativ auch eine Kordel) und wasserfeste Stifte. Eurer Fantasie sind bei der Farbauswahl der Materialien keine Grenzen gesetzt.

Zu allererst macht ihr dann ins untere Ende der Schnur einen Knoten (zur Not auch zwei oder drei übereinander) und fädelt dann eine von den kleinen Holzperlen auf. Damit diese an Ort und Stelle bleibt, muss über ihr auch ein Knoten gemacht werden. Nun fädelt ihr die restlichen Perlen, beginnend mit der großen, auf und verknotet auch das andere Ende des Bandes. Den letzten Schliff verleiht ihr dem Bücherwurm indem ihr ihm (oder ihr) ein Gesicht aufmalt. Wer möchte, kann mit ein bisschen Wolle oder kleinen Federn, die mit etwas Klebstoff am oberen Rand der großen Perle anzubringen sind, gegen die Kahlköpfigkeit des Wurms vorgehen. 


Viel Spaß und gutes Gelingen!

Dienstag, 29. November 2011

Link-Tipp: Ist Lyrik nur das, was man daraus macht?

Besonders heutzutage, wo Gedichte völlig frei von Metrum und Reim sein dürfen, stellt man sich häufig die Frage: Was ist eigentlich Lyrik? Selbst die scheinbar minimalistische Definition, die besagt, dass man es mit einem Gedicht zu tun hat, wenn rechts ein breiter Rand frei bleibt, scheint im Angesicht von Werken der konkreten Poesie (wie beispielsweise Reinhard Döhls populäres „Apfel“-Gedicht (Link), das es sogar in die Deutschbücher geschafft hat) zweifelhaft.

Als ich vor ein paar Jahren im Hörsaal die Einführung in die Literaturwissenschaft verfolgte, hat unser Dozent uns einen Ausschnitt aus einer Handybedienungs-anleitung vorgelegt, diese natürlich nicht als solche deklariert, sondern uns ohne Kontext losinterpretieren lassen. Und plötzlich hatte dieser Text über Kommunikationsprobleme eine ganz neue Bedeutung.

Ist die Lyrik vielleicht also gar keine Gattung mehr, sondern vielmehr eine Sichtweise? Im Folgenden möchte ich euch zwei Links ans Herz legen, die mir persönlich sehr gut gefallen. Der erste Link führt euch zum zdf.kultur Marker Blog, wo ihr euch in der Rubrik PopLyrik vom Synchronsprecher Helmut Winkelmann verlesene Liedtexte in Übersetzung anschauen könnt. Am besten Gefällt mir da seine Interpretation von R.E.M.



Der zweite Link zeigt euch ein Video, welches diese Idee von Lyrik noch ein bisschen weiterführt. Und zwar seht ihr wie Blixa Bargeld, den die meisten wohl als Frontman der Einstürzenden Neubauten kennen, aus Hornbach-Prospekten liest.



Man mag zu diesen Ansätzen stehen, wie man will, letzten Endes tragen sie alle doch dazu bei, dass die Lyrik, was auch immer sie genau sein mag, lebendig bleibt.

Bericht: Besuch der Edgar Allan Poe National Historic Site in Philadelphia

Letzten Monat habe ich Philadelphia besucht und da durfte ein Abstecher zur Edgar Allan Poe National Historic Site natürlich nicht fehlen. Diese liegt jedoch fernab der typischen Touristenattraktionen in einer ruhigen, aber  - zugegeben - nicht allzu einladenden Nachbarschaft. Erreicht man dann 234 North Seventh Street, in der Nähe von Spring Garden, wird man schon in der Umgebung auf den einstigen Bewohner aufmerksam gemacht:


Der Eintritt in das Haus, das Poe während seiner sechs Jahre in Philadelphia (von 1838 bis 1844) wahrscheinlich zwischen dem Herbst des Jahres 1842 und Juni des Jahres 1843 mit seiner an Tuberkulose leidenden Frau Virginia, seiner Schwiegermutter und einer Katze bewohnte, ist gratis. Allerdings ist das Haus nur durch ein benachbartes Haus, in dem sich nebenbei bemerkt ein kleines Museum, ein Souvenirshop und ein schön eingerichtetes Lesezimmer befinden, erreichbar. Wer möchte, kann sich zur Einstimmung einen 20-minütigen Film über das Leben Poes anschauen. Darin erfährt man, dass Poe, während er in diesem Haus lebte, vermutlich einige seiner bekanntesten Kurzgeschichten verfasst hat, wie beispielsweise „The Black Cat“ oder „The Tell-Tale Heart“. Generell ist es sehr interessant, welch eine Inspiration das Großstadtleben Philadelphias für seine Geschichten, die mit ihrer eher düster anmutenden Atmosphäre das Genre Gothic nachhaltig prägten, war.

Mit einer Übersichtsskizze kann man dann das einstige Haus Poes (oder das, was davon übrig ist) selbst erkunden. Das Haus umfasst neben Erdgeschoss und erster Etage noch einen Dachboden und einen Keller - allerdings sind alle Räume leer, da keine Möbel überliefert wurden. Auch weiß man nicht mit Sicherheit, wie die einzelnen Zimmer genutzt wurden und, was natürlich besonders interessant wäre, wo Poe seinen Schreibtisch gehabt hat.


Trotzdem fühlt es sich unheimlich spannend an, dieselben schmalen Treppenstufen, die der Schriftsteller einst bestieg, hinaufzusteigen.

Den Rundgang beendet man durch den Hinterausgang, wo man vom Garten aus einen Blick auf die Fassade des Hauses werfen kann:


Für den Besuch der National Historic Site brauch man nicht allzu viel Zeit einplanen, wer allerdings beim Rundgang in Stimmung gekommen ist, kann im Anschluss noch im Lesesaal Platz nehmen und dort in den zur Verfügung gestellten Kopien von Manuskripten und Erstveröffentlichungen schmökern.



Obwohl es ein wenig enttäuschend ist, wie wenig Informationen es zu diesem Wohnsitz Poes gibt, ist ein Abstecher zur National Historic Site für jeden Liebhaber seiner Geschichten und Gedichte ein Muss!

Die Edgar Allan Poe National Historic Site hat auch eine Website (hier klicken), auf der man sich Fotos angucken, Poes Leben und ein paar seiner Werke nachlesen, sowie sich für einen eventuellen Besuch eine Wegbeschreibung holen kann.  


Dienstag, 15. November 2011

Link-Tipp: Galatea - Parchment, interaktive Literatur

Galatea - Parchment ist eine interaktive Geschichte. Zu Beginn betretet ihr, die die Identität eines Kunstkritikers annehmt, eine Gallerie. Und dort erwartet euch Galatea, eine zum Leben erwachte Statur:


„You come around a corner, away from the noise of the opening.

There is only one exhibit.  She stands in the spotlight, with her back to you: a sweep of pale hair on paler skin, a column of emerald silk that ends in a pool at her feet.  She might be the model in a perfume ad; the trophy wife at a formal gathering; one of the guests at this very opening, standing on an empty pedestal in some ironic act of artistic deconstruction --

You hesitate, about to turn away.  Her hand balls into a fist.

"They told me you were coming."”


Nun ist es an euch, die Handlung mittels Eingaben voranzutreiben. Wer noch nie zuvor mit solch interaktiver Literatur zu tun hatte, der tippt am besten erst einmal ‚help’ und bekommt anschließend eine kleine Einführung und eine Liste der möglichen Befehle. Galatea reagiert auf das, was ihr sagt oder macht, und erinnert auch euren Konversationsverlauf, so dass jeder Durchlauf individuell ist. Wenn einem jedoch nicht die richtigen Befehle einfallen, kann die Interaktion ein wenig mühsam werden; dennoch macht Galatea - Parchment süchtig, denn man möchte so viel wie möglich aus dieser unheimlich lebendigen Statur rauskitzeln, ihr Vertrauen gewinnen und möglichst viel über sie und insbesondere über ihr Verhältnis zu ihrem Schöpfer erfahren. Auch erfahrt ihr bestenfalls immer mehr über den Charakter des Kritikers, aus dessen Perspektive ihr mit Galatea agiert. In dieser Hinsicht ist dieses Werk von Emily Short nicht nur interaktive Literatur, sondern auch ein Kommentar über das Verhältnis zwischen Kunst, Künstler und Kritiker.

Wer Lust hat, Galatea - Parchment einmal auszuprobieren, klickt einfach den folgenden Link:




Rezension: Water for Elephants von Sara Gruen

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Gruens Roman eröffnet mit einem starken Prolog: Die Tiere sind los! Und inmitten des Chaos beobachtet der Protagonist eine grausame Gewalttat über die er sein Leben lang schweigen wird… zumindest bis er uns seine Lebensgeschichte erzählt.
Der Prolog wird anschließend kontrastiert mit dem 1. Kapitel, dessen Handlung in einem Altenpflegeheim angesiedelt ist. Unser Protagonist und Erzähler ist nun 90 Jahre alt, oder 93 (so genau weiß er das selbst nicht mehr), und sein derzeitiges Dahinvegetieren könnte nicht unterschiedlicher sein von seinem einstigen Zirkusleben. Die Erinnerungen daran bekommen wir in den folgenden Kapiteln geschildert, immer mal wieder unterbrochen durch den Pflegeheimalltag. So erfahren wir dass Jacob Jankowski, so heißt unsere Hauptfigur, im Alter von 23 Jahren sein Tiermedizinstudium an einer Eliteuniversität schmeißen musste, weil seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind und ihm nicht einen Dollar hinterlassen haben. Jacob kehrt seinem alten Leben den Rücken und gerät, wie ihr es euch sicher schon denken könnt, durch Zufall an einen Wanderzirkus namens „Benzini Brothers Most Spectacular Show on Earth“.
Water for Elephants ist thematisch in erster Linie ein Roman über das (Über-)Leben während der Großen Depression. Das Zirkusleben wird dabei nicht romantisiert; die miteinbezogenen authentischen Fotografien mögen das zwar zunächst vermuten lassen, doch Gewalt gegen Tiere und Menschen wird nicht ausgespart. Treibende Kraft hinter der Handlung ist Jacobs Liebe für Rosie, eine Elefantendame, und Marlena, eine Pferdeakrobatin. Letztere ist jedoch mit ihrem Trainer verheiratet… Diese Dreieckskonstellation bietet selbstverständlich jede Menge Konfliktpotential. In dieser Hinsicht reiht sich Gruens Roman in ein recht traditionelles und konventionelles Schema ein - die Handlung ist leider vorausschaubar und glänzt bestenfalls durch seinen Schauplatz. Im Englischen würde ich Water for Elephants salopp als ‚easy read book’ abtun. Too easy. 

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Übrigens schrieb Gruen den Roman ursprünglich als Beitrag zum National Novel Writing Month NaNoWriMo.

Donnerstag, 10. November 2011

Rezension: The Imperfectionists von Tom Rachman

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Rachmans Debüt dreht sich inhaltlich rund um die Redaktion einer englischsprachigen Tageszeitung in Rom und zeichnet sich in erster Linie durch seinen formalen Ansatz aus: Jedes Kapitel liest sich wie eine individuelle Kurzgeschichte aus der Perspektive eines Mitarbeiters; als roten Faden, der sich durch den gesamten Roman zieht und die einzelnen Geschichten zu einem kohärenten Ganzen vereint, gibt es am Ende jedes Kapitels ein paar wenige Seiten, die dem Leser fragmentarisch Einsicht in die Entstehungsgeschichte der Zeitung gewähren.
Den einzelnen Geschichten unterliegt ein gemeinsames (Kontrast-)programm: Während innerhalb der Zeitungsredaktion Oberflächlichkeit bis hin zur Anonymität herrscht, gibt es in den Geschichten intime Einblicke ins Privatleben der Beteiligten. So erlebt der Leser mit, wie beispielsweise Abbey Pinnola, auch schlicht „Accounts Payable“ genannt, bei einem Liebesabenteuer eingeholt wird von einer Personalentscheidung. Oder er erfährt, warum Ornella De Monterecchi, die treuste Leserin des Blattes, die jede Ausgabe von vorne bis hinten studiert und deswegen rund 10 Jahre im Rückstand ist, ausgerechnet die Ausgabe vom 24. April 1994 nicht finden kann und warum das ihr Leben für immer verändert. Obwohl die kleinen privaten Dramen der Mitarbeiter so viel unbedeutender scheinen als die Schlagzeilen, die die Zeitung abdruckt und die außerdem jedes Kapitel küren, sind sie doch umso interessanter, da greifbarer, menschlicher.
Nichtsdestotrotz ist der Ton in Rachmans Roman nicht durchweg ernst, denn im Alltag der Mitarbeiter gibt es so einige Kuriositäten zum Schmunzeln. Tragisch-komisch ist da wohl das passende Attribut. Und wenn dieses Buch eine Nachricht in sich birgt, dann ist es der altbekannte Slogan „Nobody is perfect“, gepaart mit „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ und Robert Frosts Lebensweisheit „Was ich vom Leben gelernt habe, kann ich in drei Worte fassen: Es geht weiter.“
Nichts Neues? Aber dennoch mit viel Mühe verpackt und schön zu lesen.

Montag, 7. November 2011

Samstag, 5. November 2011

Tipp: Neuverfilmung von Jane Eyre

Am 1. Dezember ist es so weit: Eine Neuauflage von Jane Eyre, dem Klassiker von Charlotte Brontë, kommt endlich auch in die deutschen Kinos! In der Hauptrolle zu sehen ist Mia Wasikowska und der Trailer lässt vermuten, dass der Film eine recht düstere und unheimliche Richtung einschlägt.

Natürlich will ich euch den Trailer nicht vorenthalten:


Jane Eyre wurde schon häufig filmisch umgesetzt; was für einen Einfluss die Interpretation des Romans auf die filmische Umsetzung hat, kann man schön an dem folgenden Beispiel erkennen. 
Dieser Videoclip zeigt einen Vergleich einer Szene in drei verschiedenen Produktionen (jeweils im englischsprachigen Original). Bei den Versionen handelt es sich um Julian Amyes' Fernsehproduktion aus dem Jahr 1983, Franco Zeffirellis Kinofilm aus dem Jahr 1996 sowie um Susanna Whites Fernseh-Miniserie aus dem Jahr 2006.




Die Textpassage zu der obigen Filmsequenz liest sich wie folgt: 
"On the hill-top above me sat the rising moon; pale yet as a cloud, but brightening momentarily, she looked over Hay, which, half lost in trees, sent up a blue smoke from its few chimneys: it was yet a mile distant, but in the absolute hush I could hear plainly its thin murmurs of life.  My ear, too, felt the flow of currents; in what dales and depths I could not tell: but there were many hills beyond Hay, and doubtless many becks threading their passes.  That evening calm betrayed alike the tinkle of the nearest streams, the sough of the most remote.
A rude noise broke on these fine ripplings and whisperings, at once so far away and so clear: a positive tramp, tramp, a metallic clatter, which effaced the soft wave-wanderings; as, in a picture, the solid mass of a crag, or the rough boles of a great oak, drawn in dark and strong on the foreground, efface the aërial distance of azure hill, sunny horizon, and blended clouds where tint melts into tint.
The din was on the causeway: a horse was coming; the windings of the lane yet hid it, but it approached.  I was just leaving the stile; yet, as the path was narrow, I sat still to let it go by.  In those days I was young, and all sorts of fancies bright and dark tenanted my mind: the memories of nursery stories were there amongst other rubbish; and when they recurred, maturing youth added to them a vigour and vividness beyond what childhood could give.  As this horse approached, and as I watched for it to appear through the dusk, I remembered certain of Bessie’s tales, wherein figured a North-of-England spirit called a “Gytrash,” which, in the form of horse, mule, or large dog, haunted solitary ways, and sometimes came upon belated travellers, as this horse was now coming upon me.
It was very near, but not yet in sight; when, in addition to the tramp, tramp, I heard a rush under the hedge, and close down by the hazel stems glided a great dog, whose black and white colour made him a distinct object against the trees.  It was exactly one form of Bessie’s Gytrash—a lion-like creature with long hair and a huge head: it passed me, however, quietly enough; not staying to look up, with strange pretercanine eyes, in my face, as I half expected it would.  The horse followed,—a tall steed, and on its back a rider.  The man, the human being, broke the spell at once.  Nothing ever rode the Gytrash: it was always alone; and goblins, to my notions, though they might tenant the dumb carcasses of beasts, could scarce covet shelter in the commonplace human form.  No Gytrash was this,—only a traveller taking the short cut to Millcote.  He passed, and I went on; a few steps, and I turned: a sliding sound and an exclamation of “What the deuce is to do now?” and a clattering tumble, arrested my attention.  Man and horse were down; they had slipped on the sheet of ice which glazed the causeway.  The dog came bounding back, and seeing his master in a predicament, and hearing the horse groan, barked till the evening hills echoed the sound, which was deep in proportion to his magnitude.  He snuffed round the prostrate group, and then he ran up to me; it was all he could do,—there was no other help at hand to summon.  I obeyed him, and walked down to the traveller, by this time struggling himself free of his steed.  His efforts were so vigorous, I thought he could not be much hurt; but I asked him the question—
“Are you injured, sir?”
I think he was swearing, but am not certain; however, he was pronouncing some formula which prevented him from replying to me directly.
“Can I do anything?” I asked again.
“You must just stand on one side,” he answered as he rose, first to his knees, and then to his feet.  I did; whereupon began a heaving, stamping, clattering process, accompanied by a barking and baying which removed me effectually some yards’ distance; but I would not be driven quite away till I saw the event.  This was finally fortunate; the horse was re-established, and the dog was silenced with a “Down, Pilot!”  The traveller now, stooping, felt his foot and leg, as if trying whether they were sound; apparently something ailed them, for he halted to the stile whence I had just risen, and sat down.
I was in the mood for being useful, or at least officious, I think, for I now drew near him again.
“If you are hurt, and want help, sir, I can fetch some one either from Thornfield Hall or from Hay.”
“Thank you: I shall do: I have no broken bones,—only a sprain;” and again he stood up and tried his foot, but the result extorted an involuntary “Ugh!”
Something of daylight still lingered, and the moon was waxing bright: I could see him plainly.  His figure was enveloped in a riding cloak, fur collared and steel clasped; its details were not apparent, but I traced the general points of middle height and considerable breadth of chest.  He had a dark face, with stern features and a heavy brow; his eyes and gathered eyebrows looked ireful and thwarted just now; he was past youth, but had not reached middle-age; perhaps he might be thirty-five.  I felt no fear of him, and but little shyness.  Had he been a handsome, heroic-looking young gentleman, I should not have dared to stand thus questioning him against his will, and offering my services unasked.  I had hardly ever seen a handsome youth; never in my life spoken to one.  I had a theoretical reverence and homage for beauty, elegance, gallantry, fascination; but had I met those qualities incarnate in masculine shape, I should have known instinctively that they neither had nor could have sympathy with anything in me, and should have shunned them as one would fire, lightning, or anything else that is bright but antipathetic.
If even this stranger had smiled and been good-humoured to me when I addressed him; if he had put off my offer of assistance gaily and with thanks, I should have gone on my way and not felt any vocation to renew inquiries: but the frown, the roughness of the traveller, set me at my ease: I retained my station when he waved to me to go, and announced—
“I cannot think of leaving you, sir, at so late an hour, in this solitary lane, till I see you are fit to mount your horse.”
He looked at me when I said this; he had hardly turned his eyes in my direction before.
“I should think you ought to be at home yourself,” said he, “if you have a home in this neighbourhood: where do you come from?”
“From just below; and I am not at all afraid of being out late when it is moonlight: I will run over to Hay for you with pleasure, if you wish it: indeed, I am going there to post a letter.”
“You live just below—do you mean at that house with the battlements?” pointing to Thornfield Hall, on which the moon cast a hoary gleam, bringing it out distinct and pale from the woods that, by contrast with the western sky, now seemed one mass of shadow.
“Yes, sir.”
“Whose house is it?”
“Mr. Rochester’s.”
“Do you know Mr. Rochester?”
“No, I have never seen him.”
“He is not resident, then?”
“No.”
“Can you tell me where he is?”
“I cannot.”
“You are not a servant at the hall, of course.  You are—”  He stopped, ran his eye over my dress, which, as usual, was quite simple: a black merino cloak, a black beaver bonnet; neither of them half fine enough for a lady’s-maid.  He seemed puzzled to decide what I was; I helped him.
“I am the governess.”
“Ah, the governess!” he repeated; “deuce take me, if I had not forgotten!  The governess!” and again my raiment underwent scrutiny.  In two minutes he rose from the stile: his face expressed pain when he tried to move.
“I cannot commission you to fetch help,” he said; “but you may help me a little yourself, if you will be so kind.”
“Yes, sir.”
“You have not an umbrella that I can use as a stick?”
“No.”
“Try to get hold of my horse’s bridle and lead him to me: you are not afraid?”
I should have been afraid to touch a horse when alone, but when told to do it, I was disposed to obey.  I put down my muff on the stile, and went up to the tall steed; I endeavoured to catch the bridle, but it was a spirited thing, and would not let me come near its head; I made effort on effort, though in vain: meantime, I was mortally afraid of its trampling fore-feet.  The traveller waited and watched for some time, and at last he laughed.
“I see,” he said, “the mountain will never be brought to Mahomet, so all you can do is to aid Mahomet to go to the mountain; I must beg of you to come here.”
I came.  “Excuse me,” he continued: “necessity compels me to make you useful.”  He laid a heavy hand on my shoulder, and leaning on me with some stress, limped to his horse.  Having once caught the bridle, he mastered it directly and sprang to his saddle; grimacing grimly as he made the effort, for it wrenched his sprain.
“Now,” said he, releasing his under lip from a hard bite, “just hand me my whip; it lies there under the hedge.”
I sought it and found it.
“Thank you; now make haste with the letter to Hay, and return as fast as you can.”
A touch of a spurred heel made his horse first start and rear, and then bound away; the dog rushed in his traces; all three vanished," 
(aus Jane Eyre, Buch 1/Kapitel XII, Quelle)

Dass bei einer Literaturverfilmung, ganz besonders wenn man so eine dicke Buchvorlage wie Jane Eyre hat, Schwerpunkte gesetzt werden müssen, sieht man in dem obigen Beispiel besonders gut. Die Auswahl des Drehortes, die Schauspieler und die Atmosphäre sind dabei Ausdruck der Interpretation der literarischen Vorlage. Welche Version am besten zusagt, sei deswegen jedem selbst überlassen!

Freitag, 28. Oktober 2011

Rezension: Americana von Don DeLillo

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In DeLillos Debüt verfolgen wir die Geschichte des David Bell, der in der New Yorker Fernsehbranche arbeitet und dort, ähnlich wie der Hauptprotagonist in Metropolis, mit seinen 28 Jahren bereits früh zu Erfolg gekommen ist. Der Roman liest sich dabei zunächst als eine Gesellschaftsstudie Amerikas mit satirischem Einschlag, ab und an werden die bissigen Kommentare Bells über seine ach so aufgesetzte Generation jedoch abgelöst von leiser Melancholie. So beschreibt er die New Yorker Massen wie folgt: „the faces seemed gray and stricken, the bodies surreptitious in the scrawls of their coats, and it occurred to me that perhaps in this city the crowd was essential to the individual; without it, he had nothing against which to scrape his anger, no echo for grief, and not the slightest proof that there were others more lonely than he.” Aber dann auch gleich: „This was just a passing thought.” (29) Denn es gibt einfach so viel in der aufstrebenden medialen Welt, das ihn ablenkt von den Dingen, die eigentlich in Bells Kopf rumspuken: Die Geschichte seiner Familie, der Elterngeneration, die Krieg miterlebt hat und der es nicht immer so sorgenfrei blendend ging wie ihm selber.
Fernab der New Yorker Großstadt-Hektik begibt sich Bell in der zweiten Hälfte des Romans auf die Mission, einen autobiographischen Film zu drehen, amateurhaft und avantgardistisch gleichzeitig, der ihm seiner eigenen Identität näher bringen soll. Denn: „We are what we remember. The past is here, inside this black clock, more devious than night or fog, determining how we see and what we touch at this irreplaceable instant in time.” (299) Ob ihm diese Mission glückt, sollte jeder selber nachlesen. Aufgrund ellenlanger Monologe gestaltet sich das zwar teilweise etwas anstrengend, aber den Höhepunkt der Ausschweifungen während Bells Road Trips sollte man dennoch nicht verpassen. Alles hat schließlich irgendwann mal ein Ende, ganz gemäß dem Motto: „,Do you have any particular ambition in life?’ - ‚To get out of it alive.’“ (286)

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe, die 1989 im Penguin Verlag erschien. Diese Ausgabe ist in einigen Passagen von DeLillo leicht von der Erstausgabe aus dem Jahr 1971 abgeändert worden. 

Freitag, 14. Oktober 2011

Rezension: Cosmopolis von Don DeLillo

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Ein beliebiger Apriltag im Jahr 2000. Wir befinden uns in Manhattan. Und Eric Packer, 28 Jahre alt, Multimilliardär und Businessman, möchte zum Frisör. Das ist einfacher gesagt als getan. Denn einmal in seine weiße Stretchlimousine eingestiegen, begibt er sich auf eine Odyssee, die gleichzeitig an Absurdität und Wirklichkeitsnähe nicht zu überbieten ist. Die Welt, in der wir uns befinden, ist dermaßen digitalisiert und virtualisiert, dass das wahre Leben dagegen unscheinbar blass aussieht. Dabei passiert doch so viel: Globalisierungsgegner, die demonstrieren und sich, um ihrer Botschaft Nachdruck zu verleihen und Aufmerksamkeit zu erhaschen, selbst anzünden… erotische Abenteuer und seine frisch angetraute, eher keusche Ehefrau, die Millionenerbin und Poetin ist, kreuzen mehrmals Erics Weg… er macht sich spontan nackig für Filmaufnahmen, feiert in einer Disco ab und marschiert mit im Trauerumzug für einen kürzlich verstorbenen, aber nicht dramatisch niedergeschossenen, Rapper. Die Reihenfolge ist dabei eigentlich egal, denn Eric ist zwar Dank seiner medialen Ausstattung stets nah am Geschehen, doch innerlich fern und entfremdet von dieser Welt. Alles, was ihn interessiert, ist sein Haarschnitt und der Kurs des Yen. Wieso letzterer so interessant ist, weiß der Vermögensverwalter selbst nicht so genau; mit Geld handeln tut er nur um des Geldes Willen. Er hat ja auch alles, was man sich vorstellen kann! Kork in der Limousine, ein 48-Zimmer-Apartment ausgestattet mit jeglichem technischen Schnickschnack sowie eine asymmetrische Prostata. Obwohl diese ihn ein bisschen beunruhigt, ist sie nicht das, was ihm zum Verhängnis wird. Denn die nonlineare Erzählstruktur lässt uns bereits im 2. Kapitel des 1. Teils Schlimmes vermuten... Erics 19 Jahre ältere Liebhaberin und Repräsentantin einer älteren Generation sagte einmal zu ihm: „Life is too contemporary“ (27), doch während in der Vergangenheit die Zukunft noch in der Technik lag, liegt im Jahr 2000 die Zukunft schon in der Technik.
DeLillo rechnet ab mit der Millenniumsgeneration, bevor das Millennium richtig starten konnte. Das Bild, das er dabei sprachlich aufbaut, ist fragmentiert; kaum hat ein Gedanke begonnen, wird dieser auch schon wieder abgebrochen, weil etwas ablenkt. Wichtig und unwichtig, Chaos und System, sind dabei nicht immer auseinander zuhalten. Eric Packer ist nicht bloß ein Charakter in einem Roman, er ist ein Symptom einer Gesellschaft. Sein Tod soll ein Weckruf sein, doch geht auch der im Durcheinander des Romans, sowohl auf sprachlicher als auch inhaltlicher Ebene, ein wenig unter.

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Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 2004 bei Scribner erschien.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Link-Tipp(s): Vorsicht Rilke im Marker-Blog und Ranga Yogeshwar im Interview

Heute gibt es gleich zwei Link-Tipps! Zum einen startet der zdf.kultur-Moderator Lukas Koch im Marker-Blog eine Reihe, in der er seine Lieblinge der Literatur vorstellt. Den dramatischen Auftakt gibt es heute mit Rilkes "Der Tod der Geliebten": 




Und dann könnt ihr auf buchreport.de noch ein interessantes Interview mit Ranga Yogeshwar lesen, in dem die Digitalisierung der Literaturbranche diskutiert wird.


Viel Spaß beim Klicken und Hören/Lesen!


Samstag, 8. Oktober 2011

Rezension: Leviathan von Paul Auster

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In Leviathan erzählt Peter Aaron die Geschichte eines Mannes, der sich vor ein paar Tagen selbst in die Luft gesprengt hat. Der Roman beginnt wie eine Detektivgeschichte, entwickelt sich jedoch zu einer Charakterstudie; denn der Mann, dessen Lebensgeschichte Aaron versucht zu rekonstruieren, war sein bester Freund, der Schriftstellerkollege Benjamin Sachs.
Sachs, den Aaron in den 1970er Jahren in einer Bar in Greenwich Village kennen lernte, war jemand, zu dem Aaron herauf schaute - humorvoll, geistreich, talentiert und mit einer umwerfenden Frau glücklich verheiratet. Scheinbar. Denn in den knapp 20 Jahren Freundschaft musste Aaron einige Veränderungen Sachs miterleben, die scheinbar durch einen unglücklichen Fenstersturz und die damit einhergehende Nahtoderfahrung initiiert wurden. Die Lebensgeschichte Sachs bleibt dabei fragmentarisch; außerdem spielt - wie man das von anderen Auster-Romanen bereits kennt - die Macht des Zufalls eine wichtige Rolle. So erzählt Aaron gewissermaßen nicht nur die Geschichte von Sachs, sondern auch seine eigene und die von einer Ex-Prostituierten oder einer Fotokünstlerin, welche Sachs Lebensweg kreuzten und auf nahezu schicksalhafte Art beeinflusst haben.
Leviathan, so hieß Sachs Roman, den er begonnen, aber niemals abgeschlossen hat. Aaron versucht mit der Niederschreibung von Sachs Leben, dessen Ideologie Ausdruck zu verleihen. Dabei wird auf mehreren Ebenen versucht, eine objektive Wahrheit mittels verschiedener, teils widersprechender, subjektiven Darstellungen zu erreichen. Auster spielt wieder einmal mit der Fiktionalität unserer Realität und da der Roman sich flüssig liest und von überschaubarer Länge ist, wird der Leser nicht überfordert, aber dennoch auf eine gehaltvolle Art unterhalten.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Link-Tipp: Videospiele und Literatur bei Pixelmacher

Pixelmacher, das Videospielmagazin auf zdf.kultur, hat vor einiger Zeit einen Bericht über 'literarische Videospiele' gebracht. Unter dem nachfolgenden Link könnt ihr ein Interview mit Ute Schwens, Leiterin der Deutschen Nationalbibliothek, anschauen, in dem diskutiert wird, wie literarisch Videospiele eigentlich sein können. Sehr interessant, auch wenn man nicht gerade ein Videospieljunkie ist!





Wenn ihr euch für dieses Thema interessiert, könnt ihr in der Mediathek des ZDF noch weitere Ausschnitte aus der Sendung anschauen!

Freitag, 30. September 2011

Rezension: The French Lieutenant's Woman von John Fowles

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Das Viktorianische Zeitalter trifft auf die Postmoderne!
Dabei beginnt alles ganz harmlos: Es ist das Jahr 1867. Charles geht mit seiner Verlobten Ernestina spazieren und die beiden laufen zufällig einer etwas ungewöhnlichen Gestalt über den Weg. „They call her the French Lieutenant’s… Woman.“ […] and how her stare was aimed like a rifle at the farthest horizon.“ (9) Doch Charles, der sich eigentlich für Fossilien interessiert, entwickelt eine Faszination für die tragische Geschichte, die hinter dieser von der Gesellschaft abgekehrten Frau steckt. Was sich zunächst als klassischer viktorianischer Gesellschaftsroman liest, bei dem es um den Konflikt zwischen standesgemäßer Heirat und persönlichem Interesse geht, wird bald zu einem erzählerischen Experiment. Denn nach knapp 100 Seiten, in Kapitel 13, meldet sich plötzlich der Erzähler zu Wort:
„I don’t know. This story I am telling is all imagination. […] Perhaps you suppose that a novelist has only to pull the right strings and his puppets will behave in a lifelike manner; […] But I find myself suddenly like a man in the sharp spring night, watching from the lawn beneath that dim upper window in Marlborough House; […] The novelist is still a god, since he creates (and not even the most aleatory avant-garde modern novel has managed to extirpate its author completely); what has changed is that we are no longer the gods of the Victorian image; omniscient and decreeing; but in the new theological image, with freedom our first principle, not authority. I have disgracefully broken the illusion?” (95-97)
Anschließend setzt er die Geschichte fort, als hätte dieser Monolog nie statt gefunden; nur ab und an fällt eine kleine Bemerkung, die uns spüren lässt, dass das Viktorianische Zeitalter nur als Illusion heraufbeschworen wurde und schon längst passé ist, wie beispielsweise ein Vergleich der Hauptfigur mit einem Computer. Erst über 200 Seiten später, wenn der Leser wieder völlig versunken in dieser Illusion ist, unterbricht der Erzähler erneut – um die Geschichte zu beenden und uns anschließend zu sagen, dass das, was er uns gerade als ‚Wahrheit’ verkauft hat, nur Wunschdenken war! Von da an kippt die Erzählung, wir befinden uns nicht mehr in einem viktorianischen Gesellschaftsroman mit leicht postmodernem Touch, sondern in einer postmodernen Spielerei mit Erzähltechniken und Ebenen der Fiktionalität, die den Leser letztendlich orientierungslos sich selbst überlässt auf der Suche nach der ‚wahren’ Geschichte über die Geliebte des französischen Leutnanten.
Fowles’ Roman beleuchtet die Vergangenheit aus der gegenwärtigen Perspektive und die Gegenwart aus der viktorianischen Perspektive. Wer hätte gedacht, dass zwei Zeitalter, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer solchen Konstellation so viel Spaß machen!? 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 1998 bei Back Bay erschien.

Freitag, 23. September 2011

Link-Tipp: Electronic Literature

Dass das Internet keinen Halt vor Literatur macht (oder die Literatur keinen Halt vor dem Internet), ist ja kein Geheimnis. Das Internet bietet große Formate, wie Plattformen für kollektives Geschichtenschreiben, sowie Lyrik im Kleinformat, welche sich auf 140 Twitter-Zeichen beschränkt. Doch hier möchte ich etwas vorstellen, das - soweit ich weiß - im deutschen Sprachraum weniger bekannt ist:


Im Oktober 2006 erschien die erste Ausgabe gesammelter 'E-Literature'; im Februar diesen Jahres kam ein Nachfolger. 
Bei dieser Art von Literatur handelt es sich um Programmierungen, die, fast schon spielerhaft, den 'Leser' miteinbeziehen. Bei den "Stir Fry"-Texten von Jim Andrews ändert sich beispielsweise der Text, wenn man mit der Maus darüber gleitet. Oder bei "Stud Poetry" von Marko Niemi spielt man Poker mit Gedichtfetzen. Dabei stellen diese und alle weiteren Texte in unterschiedlicher Weise immer dieselbe Frage: Wie viel Kontrolle hat der Autor über sein Werk? Was ist ein 'Autor' und hat er Autorität? Welche Rolle nimmt der Leser bei der Bedeutungsfindung ein? Gibt es noch Originalität in dieser Art von Literatur?

Es gibt viel zu Entdecken... und ob ihr auf die oben genannten Fragen Antworten findet, ist euch überlassen.

Donnerstag, 15. September 2011

Rezension: The Swan Thieves von Elizabeth Kostova

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Der Psychiater Andrew Marlow bekommt es unerwartet mit einem besonders komplizierten Fall zu tun: Der renommierte Maler Robert Oliver hat versucht, in der National Gallery of Art ein Gemälde mit einem Messer zu attackieren. Bevor Oliver sich in ein eisernes Schweigen zurückzieht, äußert er nur einen einzigen Satz: „I did it for her.“ Doch wer ist sie? Ist sie die Frau mit dem melancholischen Blick und den schwarzen Locken, die Oliver fast wie besessen portraitiert? Und ist das wiederum die Frau aus den Briefen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und die Oliver immerzu liest? Marlows Suche nach ‚ihr’ gestaltet sich fast wie ein Krimi – Zeugen werden befragt, Beweismaterial ausgewertet, Nachforschungen angestellt. Dabei werden die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, sowie zwischen Genie und Wahnsinn mehr als einmal übertreten. Anstatt Antworten zu finden, wird es zusehends unklarer, wonach Marlow überhaupt zu suchen hat. Und warum. Und für wen.
Kostovas Roman mag zwar spannend zu lesen sein, bleibt aber eine recht oberflächliche Lektüre und bietet schlussendlich keine Einsicht in die Gedankenwelt des Künstlers. Lesenswert sind aber besonders die Kapitel, die uns ins Frankreich des späten 19. Jahrhunderts führen und die Statusfrage der Frau innerhalb der Malerzunft aufgreifen.