Montag, 28. Februar 2011

Rezension: Vogelstimmen von Dirk Bernemann

„Und ich dachte: ein Frühlingstag. Ja, ja, ja, ein Frühlingstag. Der Mai hat seine Mitte erreicht. Doch was bringt die Mitte eines Mais, wenn es so was wie Vergänglichkeit gibt, wenn man von der Mitte eines Mais schon das Ende eines Novembers erkennen kann?“ (vom Buchrücken)
 
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Dieses Mal gibt es keinen ,Anti-Pop’, sondern Gedanken und Gefühle, die wir alle kennen und haben. Zwar spielen wieder jede Menge Zigaretten und kollektives Betrinken eine große Rolle, aber dieses Mal bekommen wir die Innenansicht. Und da spielt sich eben viel mehr ab – Zweifel, Einsamkeit, Vergänglichkeit, Sinnlosigkeit. Das alltägliche Leben spricht, ganz nüchtern: „Ein Ziel ist: überleben und Gefühle haben.“ (9) Vogelstimmen ist die Geschichte eines 35-jährigen, der sein Lebenskonzept überdenkt, als er mit dem nahenden Demenztod der eigenen Mutter konfrontiert wird. Man kann fast schon sagen, dass man es hier mit einem modernen ‚coming of age’-Roman zu tun hat, der sich auszeichnet dadurch, ein (scheinbar) bedeutungsloses Dasein in bedeutungsvolle Worte zu kleiden. Und doch sind die einfachen Worte die treffsichersten: „Immer ist da was und das ist gut, und dann geht das weg und ich steh da und kann nicht mit.“ (192) Was irgendwo anfängt zwischen Verzweiflung und Melancholie endet recht optimistisch. Schade ist allerdings, dass ‚das große Finale’ (welches ich an dieser Stelle nicht zitieren mag) auf dem Buckrücken schon vorweg genommen wird. Es mag zwar die Pointe klipp und klar auf den Punkt bringen – aber muss es denn so explizit sein? Wenn man die letzten Seiten liest, spürt man zweifelsohne, dass oben zitiertes Ziel als abgehakt von der Liste gestrichen werden kann. Wenn man es schafft zu akzeptieren, dass etwas Schönes vergänglich sein muss, damit es schön sein kann. Und dass Vergänglichkeit und Zukunft einander nicht ausschließen. 

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Vogelstimmen erschien im Oktober 2010 im Ubooks-Verlag. Bei Amazon gibt es einen Blick ins Buch.


Hier könnt ihr euch "Autumn" von New Model Army anhören. Das Lied wird zu Beginn des Buches zitiert: "Everything is beautiful because everything is dying."

Rezension: Die glücken Tage von Laurent Graff

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Antoine, mit Mitte dreißig eigentlich in der Blüte seines Lebens, beschreibt seinen Alltag im Altersheim – als Bewohner! Denn der Sinn unseres irdischen Daseins ist ihm ein Rätsel. Wozu arbeiten, heiraten, Kinder zeugen und ein nettes Häuschen bauen, wenn man letzten Endes sowieso irgendwann unter der Erde von Würmern zersetzt wird?
Die glücklichen Tage erzählt die Geschichte eines ganz ungewöhnlichen Aussteigers, der sich der Gesellschaft nicht entzieht, um auf Abenteuerreise zu gehen, sondern um im Altersheim, umgeben von Vergänglichkeit und Todesnähe, dem Sinn unserer Existenz auf die Schliche zu kommen. „Ich verhalte mich wie ein echter Voyeur, der durch den Türspalt beobachtet, was sich dahinter abspielt, und versucht, noch die geringste Regung auf der anderen Seite zu erfassen. Und ich will da sein, wenn die Tür zuknallt.“ (80) Sein ideales Beobachtungsobjekt scheint Antoine dann in der an Krebs erkrankten Mireille zu finden; fest entschlossen, ihr bis zu ihrem baldigen Tod nicht mehr von der Seite zu weichen, erfüllt er ihr ihren letzten Wunsch: noch ein letztes Mal das Meer sehen. Doch wer jetzt glaubt, der Roman münde in einer kitschig-verklärten Reise, während der Antoine das Leben als Geschenk zu wertschätzen beginnt, liegt falsch. Denn auch die letzten Tage im Leben eines Menschen werden nicht verschont von den kleinen Pannen des Alltags: Das Hotel, in dem man den schönsten Urlaub seines Lebens verbracht hat, hat dicht gemacht und im ganzen Ort sind einfach keine Austern aufzutreiben. Nachdem Mireille dann gestorben ist, kehrt Antoine zurück zu seiner Bank vor dem Altersheim. Auf seine Frage, welchen Platz der Mensch in unserem Universum einnimmt, scheint er keine befriedigende Antwort bekommen zu haben – oder doch?
„Dabei scheint es mir, wenn ich so auf meiner Bank im Park von Glück im Winkel sitze, als würde ich manchmal zu einer gewissen Form von Befreiung finden, einer >>Überexistenz<<, als würde ich über mich selbst hinauswachsen in dieser Verlassenheit, die mich jeder Bindung entledigt. Sie gleicht einer beruhigenden Schwerelosigkeit im Augenblick des Stillstands, einer Art existenzieller Levitation, die den normalen Gang des Lebens aufhebt. Man muss sich zugleich am weitesten von sich selbst entfernen und sich selbst am nächsten kommen, die Taue kappen, die einen an die Welt binden, und den Fallstricken entgehen. Dann hält einen keine Macht zurück, und man fliegt, von einem frischen Wind getragen, über die Welt.“ (94)

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die deutsche Übersetzung, die 2007 im Lübbe Verlag erschien.

Dienstag, 22. Februar 2011

Rezension: A Widow's Story von Joyce Carol Oates

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"The Invisible Writer” wird endlich sichtbar! In ihrem Memoir verarbeitet Joyce Carol Oates den unerwarteten Tod ihres Mannes Raymond Smith nach 48 Jahren Ehe. Und zum ersten Mal fehlen der Autorin, die bislang über 50 Romane und Novellen, über 30 Kurzgeschichtsbände, diverse Gedichtsbände, Dramen, Kinder- und Jugendbücher sowie zahlreiche Fachliteratur und -aufsätze veröffentlicht hat, die Worte. 
In A Widow’s Story erlangt Oates ihre Stimme zurück. Langsam und schrittweise. Sie beschreibt die Tage und Wochen nach Rays Tod, den Alltag einer Witwe, der einfach nicht alltäglich sein mag, und ihre Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Dazwischen gibt es immer wieder – kurze, kursiv gedruckte – Passagen, in denen Oates versucht, ihre Erfahrungen zu abstrahieren und Distanz zu ihrem persönlichen Schicksal zu schaffen. Denn es geht nicht allein um ‚Joyce und Raymond Smith’, es geht um zwischenmenschliche Beziehungen, Identität und (verpasste) Gelegenheiten. So wirft Oates wiederholt fragen auf wie: Wer bin ich? Existiere ‚ich’ nur durch andere? Oder ist meine Identität das, was übrig bleibt, wenn ich ganz allein bin? Können Menschen sich jemals wirklich kennen? 
Um die letztere Frage kreisen Oates' Gedanken häufig, besonders in Verbindung mit einem Manuskript ihres Mannes, Black Mass, welches er schrieb, bevor die beiden sich kennen lernten, und niemals fertig stellte, bevor er sich als Herausgeber ganz dem Ontario Review widmete. Oates hat das Manuskript niemals komplett gelesen und als sie es nun , nach langem Überlegen, tut, entdeckt sie entgegen ihrer bisherigen Annahme, dass Ray sehr wohl noch an dem Manuskript gearbeitet hat, nachdem er seine zukünftige Frau getroffen hatte. Die beiden Hauptprotagonisten, eine Dichterin und ein Priester, der jene Dichterin liebt, sein Zölibat aber nicht brechen will und sie so in den Suizid treibt, scheinen vielmehr sogar Parallelen zu den jungen Eheleuten aufzuweisen. So überlegt Oates:

“Did Ray think of himself as a (forbidden) celibate priest, in his marriage?
   Did Ray think of me, his wife, as a “mysterious other”?
   Truly, I don’t think so. I can’t think so. There was much laughter in our marriage. Black Mass is a myth, not a literal replica of life.
   I must keep that in mind. I must not upset myself, reading meanings into this material that might not be there.
   Maybe the girl with whom he fell in love in the sanitarium. Maybe this is the “mysterious other” – who had saved him from despair, and whom he’d lost.
   But Vanessa is a poet, allegedly a very good poet. And Vanessa kills herself, when Paul rejects her.
   Paul rejects her because he has taken vows of celibacy, as a Jesuit priest. Paul does not reject her because he doesn’t love her. Devoted as Vanessa was to her poetry, as Paul says: “Her poetry wasn’t enough.”
   Lost love, a death sentence. It is said to Paul, by an angry friend of Vanessa: “You celibate. You bloody celibate. And now you want to write a book about her.”
   Now, I am writing a book about Ray.
   I am writing a book about the (lost) Ray.
   Black Mass isn’t complete but there is an ending of a sort, a poem by Vanessa which Paul discovers after her death. The last words are Rest in peace, rest in peace.(391f.)

Letztendlich versteht Joyce, dass sie ihren Mann, ihre Ehe, all die ungestellten Fragen und verpassten Gelegenheiten in Frieden ruhen lassen muss. Dass man den Lauf des Lebens nicht hinterfragen, sondern ihn so belassen soll, wie er eben ist: “Absurd, but unpredictable.“ (415)
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Die englische Originalausgabe erschien am 15.02.2011 im ecco-Verlag. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. Hier könnt ihr reinschnuppern. 
Der Begriff "Invisible Writer" ist Greg Johnsons Biografie über Oates entlehnt, die den selben Titel trägt.

Hier findet ihr alles, was ihr über Oates wissen müsst.

Dienstag, 8. Februar 2011

Rezension: By Nightfall von Michael Cunningham

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Unser Leben ist eine Story. Nur manchmal sind wir nicht selbst der Autor.
Das trifft auch auf Peter Harris zu: Dieser hat sich sein Leben, seine Lebens-geschichte, kleinlich zusammen gebastelt und führt nun in Soho, Mitte 40, als Kunsthändler zusammen mit seiner Frau Rebecca ein ziemlich geordnetes Dasein. Aber Peter ist eben nur da, er lebt nicht. Das wird ihm klar, als Rebeccas jüngerer, drogenabhängiger  Bruder Mizzy (‚the mistake’) zu Besuch kommt in der Hoffnung, sein Leben in geordnete Bahnen zu bringen. Stattdessen inspirieren er und seine Schönheit Peter seinen bisherigen Lebensweg in Frage zu stellen.
Obwohl zu Beginn des Romans auf der Handlungsebene nicht allzu viel passiert, geschieht – unbewusst – etwas mit dem Leser. Indem wir Peter und Rebecca durch ihren Alltag begleiten und uns – zugegeben – dabei ein bisschen langweilen (denn interessant ist ja nur, was anders ist und nicht genauso wie unser Leben), bauen wir eine Empathie für die Protagonisten auf, die, als dann alles (und auch hier großteils wieder nur innerlich und nicht nach Außen hin) aus den Fugen gerät, uns Fehler verzeihen lässt. Peter ist so sehr mit sich selber beschäftigt, dass er einfach vergisst, nicht der Einzige zu sein, dessen Lebensgerüst Baumängel hat. Als er realisiert, dass keine Geschichte isoliert ist und sich immer auf andere bezieht (wie Cunningham schon mit seinem Roman The Hours bewies), ist das eine schmerzhafte Erfahrung für ihn. Und für den Leser. Der vielleicht in Zukunft nicht nur in seine eigene Lebensgeschichte vertieft ist.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Artikel: Just another ‘madwoman in the attic’? – Über Charlotte Perkins Gilman’s Kurzgeschichte “The Yellow Wall-Paper” (1892)

 “This wallpaper has a kind of sub-pattern in a different shade, a particularly irritating one, for you can only see it in certain lights, and not clearly then.” (135)

Die namenslose Erzählerin schildert in ihren Tagebuch-ähnlichen Aufzeichnungen den tristen Alltag in ihrer Isolation, die ihr von ihrem Mann und Arzt aufgrund einer „slight hysterical tendency“ (131) aufgezwungen wurde. Um eine zügige Genesung zu fördern, ist der Erzählerin jegliche körperliche und geistige Anstrengung untersagt: Um den Haushalt und um ihr Neugeborenes kümmert sich die Schwägerin, sie darf weder lesen noch schreiben, darf nicht ausgehen und Sozialkontakte pflegen. Diese so genannte ‚rest cure’ (dt.: Liegekur) geht zurück auf einen Arzt namens Sir Weir Mitchell, der zur Zeit von Charlotte Perkins Gilman praktizierte und auch die Autorin selber behandelte (um auf einen biografischen Hintergrund hinzuweisen) nach dem Motto: „no harm is done by rest“. Aber was macht man den ganzen Tag lang allein in einem großen, leeren Haus?
Von Anfang an beschleicht den Leser ein ungutes, beengendes Gefühl:

„A colonial mansion, a hereditary estate, I would say a haunted house, and reach the height of romantic felicity – but that would be asking too much of fate! Still I will proudly declare that there is something queer about it. Else, why should it be let so cheaply? And why have stood so long untenanted?” (131)

Kenner von weiteren ‘gothic tales’ wie E. A. Poe’s “Fall of the House of Usher” mögen erahnen, welchen Lauf diese Geschichte nehmen wird. Und diese Erwartungen werden zunächst bestätigt, denn bald entwickelt die Erzählerin eine Obsession, die sich auf die floralen Elemente ihrer Schlafzimmertapete richtet, und halluziniert Frauengestalten, die hinter der Tapete gefangen sind:

„At night in any kind of light, in twilight, candlelight, lamplight, and worst of all by moonlight, it becomes bars! The outside pattern I mean, and the woman behind it is as plain as can be. I didn’t realize for a long time what the thing was that showed behind, that dim sub-pattern, but now I am quite sure it is a woman.” (139)

Auf den ersten Blick beginnt die Erzählerin ihren Verstand zu verlieren und verfällt letztendlich in eine (Selbst-)Zerstörungswut, in der sie das Zimmer verwüstet. Aber was ist der Sinn dahinter? Dazu äußerte Charlotte Perkins Gilman Folgendes in „Why I Wrote ‚The Yellow Wall-Paper’“: „It was not intended to drive people crazy, but to save people from being driven crazy“ (47) Denn auf den zweiten Blick ist das gewaltsame Abreißen der Tapete ein (Selbst-)Befreiungsakt und die gefangenen Frauen in der Tapete sind nicht bloße Wahnvorstellungen eines kranken Individuums, sondern Symbole für eine Generation von Frauen, für die Selbstbestimmung ein noch nicht gelebtes Ideal ist.
Charlotte Perkins Gilman
Folgt man dieser Lesart von „The Yellow Wall-Paper“ als ‚inverted fabula’, in der Menschen tierische Eigenschaften haben, so entdeckt man in der Erzählerin ein katzenartiges Wesen und ihr zunächst merkwürdiges Verhalten, ihr Rumkriechen auf allen Vieren und das Reiben an der Tapete, kann als Reviermarkierung verstanden werden. Katzen sind willenstarke, unabhängige Tiere und mit der Adaption von katzentypischen Verhalten nimmt auch die Erzählerin diese Eigenschaften an. So schöpft sie die Kraft, sich gegen die einschränkenden Geschlechterrollen im Amerika des späten 19. Jahrhunderts zu wehren. Sie widersagt dem dort gepriesenen ‚Cult of True Womanhood’, der die Frau als ‚Angel in the House’ deklariert, und beansprucht im Woolfschen Sinne ein Zimmer für sich allein. Damit gewinnt sie letztendlich Dominanz über den sie unterdrückenden Mann. So endet die Kurzgeschichte mit einem Moment der Demut für John: 

„’I’ve got out at last,’ said I, ‚in spite of you and Jane! And I’ve pulled off most of the paper, so you can’t put me back!’ Now why should that man have fainted? But he did, and right across my path by the wall, so that I had to creep over him every time!” (144)

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Alle Zitate und Seitenangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe:
Catherine J. Golden: Charlotte Perkins Gilman’s The Yellow Wall-Paper. A Sourcebook and Critical Edition, Routledge, New York and London, 2004
Außerdem findet sich hier auch weiteres, sowohl zeitgenössisches als auch gegenwärtiges, Material. Bei Amazon könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.

Der Begriff 'madwoman in the attic' geht zurück auf: 

Hier findet ihr den Volltext im Project Gutenberg

Hier könnt ihr ein CBS Radio-Hörspiel aus dem Jahre 1948 runterladen