Donnerstag, 3. Februar 2011

Artikel: Just another ‘madwoman in the attic’? – Über Charlotte Perkins Gilman’s Kurzgeschichte “The Yellow Wall-Paper” (1892)

 “This wallpaper has a kind of sub-pattern in a different shade, a particularly irritating one, for you can only see it in certain lights, and not clearly then.” (135)

Die namenslose Erzählerin schildert in ihren Tagebuch-ähnlichen Aufzeichnungen den tristen Alltag in ihrer Isolation, die ihr von ihrem Mann und Arzt aufgrund einer „slight hysterical tendency“ (131) aufgezwungen wurde. Um eine zügige Genesung zu fördern, ist der Erzählerin jegliche körperliche und geistige Anstrengung untersagt: Um den Haushalt und um ihr Neugeborenes kümmert sich die Schwägerin, sie darf weder lesen noch schreiben, darf nicht ausgehen und Sozialkontakte pflegen. Diese so genannte ‚rest cure’ (dt.: Liegekur) geht zurück auf einen Arzt namens Sir Weir Mitchell, der zur Zeit von Charlotte Perkins Gilman praktizierte und auch die Autorin selber behandelte (um auf einen biografischen Hintergrund hinzuweisen) nach dem Motto: „no harm is done by rest“. Aber was macht man den ganzen Tag lang allein in einem großen, leeren Haus?
Von Anfang an beschleicht den Leser ein ungutes, beengendes Gefühl:

„A colonial mansion, a hereditary estate, I would say a haunted house, and reach the height of romantic felicity – but that would be asking too much of fate! Still I will proudly declare that there is something queer about it. Else, why should it be let so cheaply? And why have stood so long untenanted?” (131)

Kenner von weiteren ‘gothic tales’ wie E. A. Poe’s “Fall of the House of Usher” mögen erahnen, welchen Lauf diese Geschichte nehmen wird. Und diese Erwartungen werden zunächst bestätigt, denn bald entwickelt die Erzählerin eine Obsession, die sich auf die floralen Elemente ihrer Schlafzimmertapete richtet, und halluziniert Frauengestalten, die hinter der Tapete gefangen sind:

„At night in any kind of light, in twilight, candlelight, lamplight, and worst of all by moonlight, it becomes bars! The outside pattern I mean, and the woman behind it is as plain as can be. I didn’t realize for a long time what the thing was that showed behind, that dim sub-pattern, but now I am quite sure it is a woman.” (139)

Auf den ersten Blick beginnt die Erzählerin ihren Verstand zu verlieren und verfällt letztendlich in eine (Selbst-)Zerstörungswut, in der sie das Zimmer verwüstet. Aber was ist der Sinn dahinter? Dazu äußerte Charlotte Perkins Gilman Folgendes in „Why I Wrote ‚The Yellow Wall-Paper’“: „It was not intended to drive people crazy, but to save people from being driven crazy“ (47) Denn auf den zweiten Blick ist das gewaltsame Abreißen der Tapete ein (Selbst-)Befreiungsakt und die gefangenen Frauen in der Tapete sind nicht bloße Wahnvorstellungen eines kranken Individuums, sondern Symbole für eine Generation von Frauen, für die Selbstbestimmung ein noch nicht gelebtes Ideal ist.
Charlotte Perkins Gilman
Folgt man dieser Lesart von „The Yellow Wall-Paper“ als ‚inverted fabula’, in der Menschen tierische Eigenschaften haben, so entdeckt man in der Erzählerin ein katzenartiges Wesen und ihr zunächst merkwürdiges Verhalten, ihr Rumkriechen auf allen Vieren und das Reiben an der Tapete, kann als Reviermarkierung verstanden werden. Katzen sind willenstarke, unabhängige Tiere und mit der Adaption von katzentypischen Verhalten nimmt auch die Erzählerin diese Eigenschaften an. So schöpft sie die Kraft, sich gegen die einschränkenden Geschlechterrollen im Amerika des späten 19. Jahrhunderts zu wehren. Sie widersagt dem dort gepriesenen ‚Cult of True Womanhood’, der die Frau als ‚Angel in the House’ deklariert, und beansprucht im Woolfschen Sinne ein Zimmer für sich allein. Damit gewinnt sie letztendlich Dominanz über den sie unterdrückenden Mann. So endet die Kurzgeschichte mit einem Moment der Demut für John: 

„’I’ve got out at last,’ said I, ‚in spite of you and Jane! And I’ve pulled off most of the paper, so you can’t put me back!’ Now why should that man have fainted? But he did, and right across my path by the wall, so that I had to creep over him every time!” (144)

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Alle Zitate und Seitenangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe:
Catherine J. Golden: Charlotte Perkins Gilman’s The Yellow Wall-Paper. A Sourcebook and Critical Edition, Routledge, New York and London, 2004
Außerdem findet sich hier auch weiteres, sowohl zeitgenössisches als auch gegenwärtiges, Material. Bei Amazon könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.

Der Begriff 'madwoman in the attic' geht zurück auf: 

Hier findet ihr den Volltext im Project Gutenberg

Hier könnt ihr ein CBS Radio-Hörspiel aus dem Jahre 1948 runterladen
 


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