Donnerstag, 31. März 2011

Rezension: Die Identität von Milan Kundera

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!

Chantal und Jean-Marc sind ein ungleiches Paar: Sie, vier Jahre älter als Jean-Marc, musste bereits den Tod des eigenen Kindes sowie eine darauf folgende Scheidung verkraften, während er sich eher jugendlich ungebunden durch das Leben und verschiedenste Anstellungen treiben ließ. Eines Tages findet Jean-Marc, zuvor schon geplagt von einer unbestimmten Angst, seine Chantal nicht wieder zu erkennen, ihre verschiedenen Gesichter nicht mehr auseinander halten zu können, eben jene völlig verstört in ihrem Hotelzimmer vor. Alles, was Chantal sagen kann, ist: „Die Männer drehen sich nicht mehr nach mir um.“ (25) Was dieser Satz wirklich bedeutet, kann Jean-Marc, hin und her gerissen zwischen Eifersucht und Sorge um seine Partnerin, nur vage erahnen, denn Chantal errötet – zum ersten Mal seit ihrem Kennenlernen. Der Zwischenfall ist jedoch nicht lange Thema zwischen den Beiden, doch vergessen haben sie ihn keineswegs. Kurze Zeit später erhält Chantal dann Briefe von einem heimlichen Verehrer, die sie Jean-Marc vorenthält. Beflügelt von den schmeichelnden Worten eines geheimnisvollen Unbekannten, entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel in einer vertrackten Dreierkonstellation, bei dem die Grenzen zwischen Fantasie und Realität zusehends verschwimmen. Nachdenklich und verstört, so wird der Leser am Ende in seine eigene Wirklichkeit entlassen.

____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 1998 im Hanser Verlag erschien.

Dienstag, 29. März 2011

Rezension: "EDickinsonRepliLuxe" von Joyce Carol Oates

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!

„There is an hour when you realize: here is what you have been given. More than this, you won’t receive.” (39) Das voneinander gelangweilte Durchschnittsehepaar Krim stürzt sich in ein Abenteuer und schafft sich einen RepliLuxe an, eine lebensechte, computerprogrammierte Puppe, Nachbau einer berühmten Persönlichkeit, der diese noch einmal in einem neuen Umfeld ,leben’ lässt. Aber was für einen Replikant sollen die Krims bloß auswählen? Freud? Van Gogh? Mrs. Krim fühlt sich mit den Replikanten einer Profession besonders verbunden: „In my heart I’ve always been a poet, I think.“ (41) Aber dafür gab es im häuslichen Eheleben eben keinen Platz mehr. Deswegen soll nun Emily Dickinson bei den Krims einziehen. Emily Dickinson scheint einfach perfekt – geistreich, häuslich, einfühlsam und trotzdem nicht schwul wie etwa Whitman oder eine Selbstmörderin wie Plath. Doch nach der Lieferung folgt bald Ernüchterung: Mister Krim, sowieso nie ganz überzeugt von der Dichterin (Er wollte Van Gogh!), sieht den Replikanten als Eindringling, Mrs. Krim empfindet ein Gemisch aus Angst und Anziehung zugleich, selbst Emily scheint sich nicht recht heimisch zu fühlen in ihrem neuen Zuhause (so ganz anders als Amherst) und enttäuscht ihre Besitzer (bevorzugte Bezeichnung des Mannes) oder Weggefährten (Wortwahl der Frau) mit geisterhaften Abwesenheit. Sollte EDickinsonRepliLuxe die Eheleute einander wieder näher bringen, so entfremden sie sich nun immer mehr. Während Mrs. Krim nahezu schwesterliche Kameradschaft und die Verbündung zweier Dichterseelen in Emily sucht, letztendlich aber einsehen muss, dass Emily kein Interesse daran hat, ihre Lyrik und somit auch ihr Innenleben nicht mit ihr zu teilen, entwickelt Mr. Krim, angezogen durch die Macht, die er als ,Master’ über sein Eigentum Emily verfügt, eine seltsame Zuneigung für den Replikanten: „Yet he found himself staring after fey slender ‚Emily’ who was so much smaller than Mrs. Krim, seemingly so much younger, no sooner materializing in his presence like a wraith than she vanished leaving behind a faint fragrance of – was it lilac? A chemical-based lilac. Yet seductive.“ (58) Zum Abschluss gipfelt die Kurzgeschichte in einem gewaltsamen Übergriff, der dieser ungesunden Dreiecksbeziehung ein Ende setzt. Drei sind eben immer einer zu viel.

Neben „EDickinsonRepliLuxe“  erzählt Joyce Carol Oates in Wild Nights! außerdem Kurzgeschichten über die letzten Tage von Edgar Allan Poe, Mark Twain, Ernest Hemingway sowie Henry James und inszeniert diese jedes Mal in überraschenden, surrealen Gegebenheiten. 

____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe von Wild Nights!, die 2008 im Ecco/HarperPerennial Verlag erschien. In dieser Ausgabe gibt es außerdem einen Kommentar von Oates über ausgewählte Passagen der jeweiligen Autoren. 

Hier könnt ihr ein weiteres Interview von Oates über Wild Nights! lesen.

Freitag, 18. März 2011

Rezension: Lady Lazarus von Andrew Foster Altschul

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!

Be who you were born to be. Das sagte ihr immer die Mutter. Aber wozu wurde man geboren als Tochter zweier Rockstars? Als Tochter eines Vaters, der sich, als man gerade mal vier Jahre alt war, vor den eigenen Augen erschoss, und einer Mutter, die ihr Leben als Witwe einer Legende vermarktet? Lady Lazarus ist die Biographie der fiktionalen Calliope Bird Morath und ihre Thanatographie zugleich. Denn Calliope, auf der verzweifelten Suche nach der eigenen Identität, fühlt sich zum ‚Death Artist’ berufen: “this way they would never find me: Poetry, thank heavens, is only about itself.” (12) Dass man sie niemals wird finden können, mag zwar richtig sein, aber das hält die Leute nun einmal nicht vom Suchen ab. So muss Calliope ein Leben vor den Augen der Öffentlichkeit führen und diese begutachten sie nicht gerade gutmütig. Vor allen Dingen haben sie große, sehr große, gar gigantische Erwartungen an die Tochter des legendären Terrible Childen-Sängers. Deshalb fasst Calliope einen Entschluss: “loyal daughter, last of a royal line, they would not let me bury him, so I offered myself in his stead.“ (165) Calliopes Leben ist eine einzige Inszenierung – die ihres Selbstmords. Und dabei wird sie unter anderem beobachtet von einem ominösen Autor, der sich – der Authentizität halber, denn das Buch versucht schließlich, eine reale Biografie zu simulieren – als Altschul höchstpersönlich entpuppt. Dieser studiert akribisch Calliopes Leben und auf der Suche nach der Wahrheit über das wahrscheinlich berühmteste Mädchen Amerikas (Er besucht dabei sogar sie selbe Psychoanalytikern, zu der Calliope in ihrer Jugend geschickt wurde!), scheint er selber verloren zu gehen: “Truth is embodied in each of us – buried, as it were – but  repeatedly papered over, palimpsested, packaged and padded and eventually obscured entirely. […] If we cannot even locate ourselves then how can we locate another, how can we possibly hope to know anything…“ (513-524)
Altschuls Roman ist nichts für Weicheier. Verstörend. Anstrengend. Seitenlange Diskussionen, beispielsweise über Lacan und seine Ansichten über die Sprache und das Symbolische. Darüber hinaus unzählige Anspielungen auf Plath (der Titel…), Eliot, Shakespeare, Baudrillard, Star Wars und und und. Aber Altschuls Roman ist auch gut. Wahnsinnig, aber gut. Wahnsinnig gut. Er kreiert eine Hyperrealität, in der Wahrheit und Fiktion nicht länger voneinander zu unterscheiden sind. Sie sind vielmehr synonym. Und genau damit trifft er den heutigen Zeitgeist. Er schafft mit Calliope ein Symbol für unsere postmoderne Gesellschaft, in der wir umgeben sind von Künstlichkeit, Simulation, Kopien, Konstruktion. Eine Gesellschaft, in der es alles zu geben scheint – außer Originalität. Altschuls Buch, obwohl ein Werk der Fiktion, ist zusammengepuzzelt mittels so vieler Artefakte und Referenzen zu tatsächlichen Gegebenheiten, dass es letzten Endes doch eines ist: original. Here we are still, entertain us. 

____________________
Auf der Homepage von Altschul könnt ihr anschauen, wie der Autor selbst einen Ausschnitt vorliest.

Mittwoch, 16. März 2011

Rezension: Der Ball von Irène Némirovski

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!

Um sich in der gehobenen Pariser Gesellschaft der Goldenen Zwanziger zu etablieren, organisiert die neureiche Familie Kampf einen Ball, bei dem scheinbar jeder erwünscht ist, nur die eigene Tochter Antoinette nicht. Diese ist darüber zutiefst enttäuscht und verärgert:

„Ein Ball… lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfums, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Séparée, dunkel und kühl wie Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby?“ (29)

Dass ihr der Ball verwehrt bleibt, schiebt die 14-jährige Antoinette allein ihrer Mutter zu, die immerzu nur an sich selbst denkt (und an das, was Andere über sie denken mögen) und so wenig wie möglich von ihrem Vergnügen abgeben mag, um möglichst viel Neid entgegen gebracht zu bekommen. Aus lauter Hass auf ihre Mutter gibt sich Antoinette kindlich-impulsiv ihren Rachegedanken hin und gewinnt letztendlich vor allen Dingen an Erkenntnis: „Auch die Erwachsenen litten also wegen solch nichtiger, vergänglicher Dinge?“ (87) Doch sie findet darin keinen Trost in Form von Verständnis für die Gefühle und das Handeln ihrer Mutter, auch macht sie die Tatsache, dass des einen Freud des anderen Leid ist, nicht traurig oder gar nachdenklich – vielmehr verspürt sie einen Triumph, der sie, ohne dass sie es ahnt, ihrer Mutter sehr ähnlich macht. Der Ball ist eine Novelle über das Unverständnis zwischen Mutter und Tochter, über die bewusste Ablehnung und unbewusste Übernahme von Verhaltensweisen während des Erwachsenwerdens.

____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die 2005 im Paul Zsolnay Verlag veröffentlichte Ausgabe. Némirovskis Novelle erschien 1930 erstmals in Frankreich unter dem Originaltitel Le Bal.