Mittwoch, 16. März 2011

Rezension: Der Ball von Irène Némirovski

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Um sich in der gehobenen Pariser Gesellschaft der Goldenen Zwanziger zu etablieren, organisiert die neureiche Familie Kampf einen Ball, bei dem scheinbar jeder erwünscht ist, nur die eigene Tochter Antoinette nicht. Diese ist darüber zutiefst enttäuscht und verärgert:

„Ein Ball… lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfums, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Séparée, dunkel und kühl wie Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby?“ (29)

Dass ihr der Ball verwehrt bleibt, schiebt die 14-jährige Antoinette allein ihrer Mutter zu, die immerzu nur an sich selbst denkt (und an das, was Andere über sie denken mögen) und so wenig wie möglich von ihrem Vergnügen abgeben mag, um möglichst viel Neid entgegen gebracht zu bekommen. Aus lauter Hass auf ihre Mutter gibt sich Antoinette kindlich-impulsiv ihren Rachegedanken hin und gewinnt letztendlich vor allen Dingen an Erkenntnis: „Auch die Erwachsenen litten also wegen solch nichtiger, vergänglicher Dinge?“ (87) Doch sie findet darin keinen Trost in Form von Verständnis für die Gefühle und das Handeln ihrer Mutter, auch macht sie die Tatsache, dass des einen Freud des anderen Leid ist, nicht traurig oder gar nachdenklich – vielmehr verspürt sie einen Triumph, der sie, ohne dass sie es ahnt, ihrer Mutter sehr ähnlich macht. Der Ball ist eine Novelle über das Unverständnis zwischen Mutter und Tochter, über die bewusste Ablehnung und unbewusste Übernahme von Verhaltensweisen während des Erwachsenwerdens.

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die 2005 im Paul Zsolnay Verlag veröffentlichte Ausgabe. Némirovskis Novelle erschien 1930 erstmals in Frankreich unter dem Originaltitel Le Bal.

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