Freitag, 29. April 2011

Rezension: Torture the Artist von Joey Goebel

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“Our torture is temporary, your work is forever. With this in mind, we all win in the long run.“ (2) Das ist die Idee hinter New Renaissance, die Gesellschaft eines Medienmoguls, der vor seinem Tod etwas Gutes tun will, indem er es sich zur Aufgabe macht, die hirnverbrannte Unterhaltungsindustrie mit hochwertiger Kunst zu unterlaufen. Zu diesem Zweck gründet er eine Schule für viel versprechende Nachwuchstalente und stellt diesen einen persönlichen Agenten und Manager zur Seite. Und weil doch jeder, der schon einmal Hemingway, Kafka oder Woolf gelesen hat, weiß, dass leidende Künstler am produktivsten sind, sorgt New Renaissance dafür, dass ihren Klienten „the Sadness“ erhalten bleibt.
Vincent, der im Alter von sieben Jahren als Nachwuchs für New Renaissance rekrutiert wird, weil er beim Telefoninterview die Frage „I write because…“ gewitzt mit „you wrong“ beantwortete, hätte als Sohn einer viel zu jungen, einsamen, zu Drogen neigenden, promiskuitiven und verarmten Mutter sowieso nie eine rosige Zukunft vor sich gehabt. Durch New Renaissance soll seinem Dasein aber ein Sinn gegeben werden. Der Tod seines geliebten Hundes Wynona ist da nur eine geringfügige Opfergabe an die Kreativität. “Death is the ultimate limit but can also serve as the ultimate motivation.“ (58)  Und Vincent liefert ab – Lieder, Drehbücher – allesamt kritisch, aber dennoch unterhaltsam. Der Plan von New Renaissance scheint zunächst aufzugehen, aber als Vincent eines Tages mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden wird, zeichnet sich allmählich ab, was der Leser die ganze Zeit bereits befürchtete: dass Gefühle und Kreativität sich nicht einfach planen lassen. Gepaart mit der späten Erkenntnis, dass Entertainment und Kunst nicht identisch sind und ganz anders funktionieren, führt dies zu unerwarteten Entwicklungen, die großes Leid verursachen – nur wer leidet letzten Endes die meisten Qualen? Torture the Artist (dt. Vincent) ist ein Roman, der, ganz in der Art seines Versuchsobjekts Vincent, kritisch, provokativ, aber auch wahnsinnig lustig ist. 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2008 bei Old Street Publishing veröffentlicht wurde.

Montag, 18. April 2011

Rezension: Feuchtgebiete von Charlotte Roche

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„Ich halte sehr viel von der Altenpflege im Kreise der Familie. Als Scheidungskind wünsche ich mir wie fast alle Scheidungskinder meine Eltern wieder zusammen: Wenn sie pflegebedürftig werden, muss ich nur ihre neuen Partner ins Altersheim stecken, dann pflege ich meine geschiedenen Eltern zu Hause, wo ich sie in ein und dasselbe Ehebett reinlege, bis sie sterben. Das ist für mich die größte Vorstellung von Glück. Irgendwann, ich muss nur geduldig warten, liegt es in meiner Hand.“ (7)

So beginnt Roches heiß umstrittener Debütroman, bevor Helen, das Scheidungskind, sich zunächst ausführlich ihren Hämorrhoiden, auch liebevoll ,Blumenkohl’ getauft, widmet. Ja, Feuchtgebiete beschäftigt sich viel mit dem, was Roche in Interviews gern als ‚untenrum vorne’ und ‚untenrum hinten’ betitelte. Aber darin erschöpft sich der Roman nicht. Denn Helens Obsession mit ihren Geschlechtsorganen und deren ‚Instandhaltung’ kommt nicht von ungefähr. Hinter ihren (teils amüsanten, teils eklig anmutenden) Sexkapaden verbirgt sich nämlich ein Kindheitstrauma: Nach der Trennung von ihrem Mann hat Helens Mutter versucht, sich umzubringen. Ihren Sohn wollte sie dabei mit in den Tod nehmen, Helen jedoch nicht. Warum? Feuchtgebiete ist nicht bloß ein tabuloser Roman über gestörtes Sexualverhalten, vielmehr geht es um dysfunktionale Familienbeziehungen. Roche schildert anschaulich, wie eine Tochter auf den (äußerst symbolträchtigen) Reinlichkeitsfimmel ihrer Mutter reagiert. Die Zeit, die Helen aufgrund einer ,missglückten Intimrasur’ (wie man es auf dem Klappentext ausdrückt) im Krankenhaus verbringt, nutzt Helen schlussendlich um ihr Leben, dem sie sich nach der Scheidung ihrer Eltern schutzlos ausgesetzt führte, wieder in halbwegs geordnete Bahnen zu bringen. Wer hätte gedacht, dass solch ein radikaler und rebellischer Roman recht friedlich endet!? 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die 12. Auflage der Taschenbuchausgabe, die 2008 im DuMont Verlag erschien.

Hier und hier könnt ihr ein Interview mit Charlotte Roche über Feuchtgebiete im Rahmen der NDR Talkshow anschauen.

Mittwoch, 6. April 2011

Rezension: Das weiße Abendkleid von Victoria Wolff

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Vier Frauen im Paris der 1930er Jahre, die unterschiedlicher nicht sein können: Die junge und unerfahrene Sonja ist Mannequin in einem edlen Modehaus, bestreitet diesen Beruf jedoch nur aus Geldnot. Anne ist erfolgreiche Filmschauspielerin, bereist, erfahren und eigenständig. Ihre Schwester Maria führt jedoch ein recht unglamouröses Leben in einer konventionellen Ehe. Und ihre neue Haushaltshilfe Ilka ist zwar jung, aber heimat- und irgendwie auch identitätslos. So verschieden die Frauen sein mögen, empfindet jede von ihnen eine ähnliche Unerfülltheit. Maria beschreibt dieses Zustand wie folgt: „Sie war eine Maschine gewesen, keine aus schwerem Metall, eine Maschine, die sich drehte, Lärm machte, Strom verbrauchte und doch nichts produzierte.“ (194) Doch das soll sich ändern.
Aufgrund zufälliger Verwicklungen haben diese vier Frauen nämlich das Vergnügen, einen Abend lang „ja joie tremblante“ (dt. die zitternde Freude) tragen zu dürfen. Durch diesen wunderbaren Traum in Weiß betrachten die Frauen sich in einem neuen Licht. Beschwingt von diesem Gefühl und durch die Macht des Zufalls ereignet sich für jede von ihnen eine schicksalhafte Begegnung, die ihrDenken und Leben  grundlegend verändert. Das Kleid markiert sozusagen den Scheitelpunkt, der ihr Dasein in ein ‚vorher’ und ‚nachher’ einteilt. Aus ‚wollen’ wird ‚werden’, aus ‚nein’ wird ‚ja’.
Das weiße Abendkleid spielt zu einer Zeit des Umbruchs, der vor den Lebensentwürfen der vier Protagonisten keinen Halt macht. Trotz vieler Turbulenzen und Hindernissen verkörpern diese pure Lebensbejahung.
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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die im Jahr 2006 im AvivA Verlag erschien. Diese Ausgabe ist gespickt mit Bildern des historischen Paris und bietet außerdem ein ausführliches Nachwort von Anke Heimberg.

Dienstag, 5. April 2011

Rezension: Fragments von Marilyn Monroe

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Die Vorreiterin des ‚Material Girls’ offenbart das, was sich hinter ihrer schönen Hülle verbirgt: innere Leere. Damit bestätigt sie aber nicht den Mythos des dummen Blondchens, sondern gewährt einen Einblick in das Leben der Ikone hinter den Kulissen. Einen Einblick, den sie zu Lebzeiten nicht vielen gewährt und den so mancher auch gar nicht ersuchte. Das Leben abseits des roten Teppichs ist nämlich vor allen Dingen geprägt durch Einsamkeit. So schreibt Monroe: „Only parts of us will ever / touch only parts of others - - /one’s own truth is just / that really - - one’s own truth.” (23) Diese Sammlung von Notizbüchern, einzelnen Aufzeichnungen, Fotografien und Briefen bietet nicht nur unzusammenhängende Fragmente, die sich ins Gesamtbild der Person Marilyn Monroe einfügen, sie ist vor allen Dingen authentisch, da die Originale abgedruckt und alle Korrekturen aufgenommen wurden. Das in Monroes Notizbüchern herrschende Chaos wird letztendlich zum Spiegel ihrer inneren Zerrissenheit. Denn so traurig und enttäuscht sie manchmal von den Menschen sein mag, so sehr schätzt sie das Leben und seine Schönheit. Dergleichen dichtet sie (bisweilen ein wenig unbeholfen, aber umso ehrlicher) beispielsweise über Brücken und die Aussicht von ihnen, die zu schön ist, um sich  jemals von einer in den Tod stürzen zu können. In einem Brief an ihren Psychoanalytiker resümiert sie schlussendlich prägnant, jedoch sich dessen natürlich unbewusst, ihre Lebenswirklichkeit: „I know I will never be happy but I know I can be gay!“ (209)

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die englische Originalausgabe, die 2010 im HarperCollins Verlag erschien. Diese Ausgabe bietet außerdem eine Einleitung von Stanley Buchthal und Bernard Comment, zeitliche Einordnungen zu jedem 'Fragment', sowie einen Anhang mit einer Chronologie, Einblicken in Monroes privater Bibliothek und vielem mehr.