Montag, 18. April 2011

Rezension: Feuchtgebiete von Charlotte Roche

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„Ich halte sehr viel von der Altenpflege im Kreise der Familie. Als Scheidungskind wünsche ich mir wie fast alle Scheidungskinder meine Eltern wieder zusammen: Wenn sie pflegebedürftig werden, muss ich nur ihre neuen Partner ins Altersheim stecken, dann pflege ich meine geschiedenen Eltern zu Hause, wo ich sie in ein und dasselbe Ehebett reinlege, bis sie sterben. Das ist für mich die größte Vorstellung von Glück. Irgendwann, ich muss nur geduldig warten, liegt es in meiner Hand.“ (7)

So beginnt Roches heiß umstrittener Debütroman, bevor Helen, das Scheidungskind, sich zunächst ausführlich ihren Hämorrhoiden, auch liebevoll ,Blumenkohl’ getauft, widmet. Ja, Feuchtgebiete beschäftigt sich viel mit dem, was Roche in Interviews gern als ‚untenrum vorne’ und ‚untenrum hinten’ betitelte. Aber darin erschöpft sich der Roman nicht. Denn Helens Obsession mit ihren Geschlechtsorganen und deren ‚Instandhaltung’ kommt nicht von ungefähr. Hinter ihren (teils amüsanten, teils eklig anmutenden) Sexkapaden verbirgt sich nämlich ein Kindheitstrauma: Nach der Trennung von ihrem Mann hat Helens Mutter versucht, sich umzubringen. Ihren Sohn wollte sie dabei mit in den Tod nehmen, Helen jedoch nicht. Warum? Feuchtgebiete ist nicht bloß ein tabuloser Roman über gestörtes Sexualverhalten, vielmehr geht es um dysfunktionale Familienbeziehungen. Roche schildert anschaulich, wie eine Tochter auf den (äußerst symbolträchtigen) Reinlichkeitsfimmel ihrer Mutter reagiert. Die Zeit, die Helen aufgrund einer ,missglückten Intimrasur’ (wie man es auf dem Klappentext ausdrückt) im Krankenhaus verbringt, nutzt Helen schlussendlich um ihr Leben, dem sie sich nach der Scheidung ihrer Eltern schutzlos ausgesetzt führte, wieder in halbwegs geordnete Bahnen zu bringen. Wer hätte gedacht, dass solch ein radikaler und rebellischer Roman recht friedlich endet!? 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die 12. Auflage der Taschenbuchausgabe, die 2008 im DuMont Verlag erschien.

Hier und hier könnt ihr ein Interview mit Charlotte Roche über Feuchtgebiete im Rahmen der NDR Talkshow anschauen.

Kommentare:

  1. Hi, über vorablesen bin ich auf deinen Blog gestoßen und hinterlasse mal einen lieben Gruß.
    Schön dass deine Rezension zeigt, dass das Buch nicht nur aus ekligen Beschreibungen rund ums Geschlecht besteht, denn genau das habe ich bisher immer gedacht. Ich werd wohl trotzdem die Finger davon lassen, denn das wenige, was ich davon gelesen habe, hat mir schon gereicht :-)

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  2. Alles was ich bis jetzt über dieses Buch gelesen habe hat es als sinnlose Sauerrei dargestellt - schön, dass es auch jemand schafft mehr Sinn dahinter zu sehen! Ich schwanke schon seit langem, ob ich dieses Buch lesen soll und deine Beschreibung lässt mich gerade eher zum 'lesen' tendieren. Obwohl manche Passagen anscheinend echt krass sein müssen :D

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