Donnerstag, 30. Juni 2011

Rezension: Chronic City von Jonathan Lethem

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Der einstige Kinderstar Chase Insteadman lebt vom Überrest seiner 15 Minuten Ruhm in Manhattan. Während seine Verlobte, die Astronautin Janice, vor den Augen der interessierten Presse im All auf einer Weltraumstation verloren ist, verliert sich Chase im süßen Nichtstun der Gesellschaft der Upper Eastside… “Much hides behind what’s assumed about the East Side, even if what’s assumed is true. There are things beyond what’s assumed and true.” (77) Eines Tages trifft Chase auf Perkus Tooth, der gar nicht auf das Schema des Dinnerparty-Smalltalkers passt. Die Beiden freunden sich an und verbringen fortan viele Stunden in Perkus’ Apartment. Dabei teilt Perkus nicht nur bereitwillig sein Marihuana mit Chase oder führt ihn in die sündhafte  ‚Chaldron’-Liebhaberei ein, er weiht ihn auch in seine paranoiden Verschwörungstheorien ein. Manhattan ist seiner Meinung nach ein Simulacrum, ein Trugbild, eine Kopie, echter als das Original. Doch Chase ist stets abgelenkt – von einem seltsamen Schokoladengeruch über New York beispielsweise. Doch das eingespielte Team wird unerwartet auseinander gerissen, als Perkus’ Apartmentkomplex von dem mysteriösen entlaufenen Tiger, der Manhattan schon seit einiger Zeit auf Trapp hält, zerstört wird. Die darauf folgenden Geschehnisse sind für Chase dermaßen surreal, dass er viel zu lange braucht, um zu realisieren, dass das Hier und Jetzt kein schlechter Traum ist und er stattdessen gerade erst dabei ist, aus dem schlechten Traum seiner scheinbar so überschaulichen Realität zu erwachen – “for who hasn’t found themselves enlisted in this city’s reigning fictions from time to time?” (87)
In Lethems Roman ist Chase Insteadmans Name Programm. Und ‚chronisch’ ist in der Tat der Zustand des Manhattans, wie es in Chronic City porträtiert wird. Chronic City ist sicherlich eine unterhaltsame und gleichsam kritische Ehrerbietung an das Manhattan/New York des 21. Jahrhunderts, doch man sollte bedenken, dass diese kleine, aber dicht bevölkerte Insel nichts Anderes als ein Vergrößerungsglas für unsere gesamte Gesellschaft ist. Hoffnung gibt es dennoch – dank früher Erkennung und guter Medikation lässt es sich auch mit chronischen Krankheiten ganz gut leben. 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe im englischen Original, die 2010 im faber and faber-Verlag erschien.

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