Donnerstag, 21. Juli 2011

Rezension: Generation A von Douglas Coupland

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18 Jahre nach Couplands Debüt und Durchbruch mit Generation X: Tales for an Accelerated Culture kommt nun das Update. Generation A spielt in der nahen Zukunft, in der Bienen längst ausgestorben sind – bis sich einander völlig fremde und auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Jugendliche über den Globus verteilt plötzlich gestochen werden. Diese Vorfälle interessieren natürlich Medien und Forschung, welche sich mit der Frage beschäftigen: War das alles ein blöder Zufall? Oder haben die Fünf eine Gemeinsamkeit, die sie zu auserwählten Bienenstich-Opfern macht? Dies soll sich klären, als die Fünf letztendlich auf einer Insel abseits jeglicher ‚Zivilisation’ (und damit meint man in der fiktiven Zukunft wie sie Generation A zeichnet Solon-süchtige Einzelgänger, die nur im Hier und Jetzt denken und sich nicht um die gemeinsame Zukunft scheren) zusammen gebracht werden – und zwar um sich gegenseitig in gemütlicher Runde Geschichten zu erzählen! Abgesehen davon, dass diese Geschichten auch ohne den Romanzusammenhang äußerst unterhaltsam und anregend sind, wird anhand geteilter Motive und Strukturen schnell klar, dass die Fünf mehr sind als Forschungsobjekte, die das Wiederauftauchen der Bienen erklären sollen. Vielmehr erklären sie, wie sollte es auch anders sein, eine ganze Generation. Erschreckend genug, erscheint Generation A alles andere als weit hergeholt und unrealistisch. Der Roman ist eine Erinnerung daran, dass es ohne Gedanken an das Morgen irgendwann auch kein Heute mehr geben wird. Klingt pathetisch, ist es aber nicht.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Rezension: The Locked Room von Paul Auster, Teil 3 der New York-Trilogie

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Stell dir vor, du bekommst nach Jahren ohne Kontakt Post von der Frau deines besten Jugendfreundes mit der Nachricht, dein Jugendfreund sei spurlos verschwunden und habe einen literarischen Nachlass großen Umfangs hinterlassen, um dessen Verwaltung du dich nun kümmern sollst. Genauso widerfährt es dem Protagonisten in Austers The Locked Room. Und ehe der sich versieht, kümmert er sich nicht nur um den literarischen Nachlass seines Freundes, sondern auch um seine Frau und sein Kind, obwohl er seinen Freund Fanshawe gar nicht tot glaubt. Jedenfalls kann er ihn nicht in Frieden ruhen lassen, geschweige denn selber Frieden finden…
The Locked Room ist, wie seine beiden Vorgänger City of Glass und Ghosts auch, ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nicht immer klar ist, wer Jäger und Gejagter ist und wonach gesucht oder wovor geflohen wird. Der Romantitel wird schließlich zur allumfassenden Metapher für die Situation des Lesers. Die Grenzen zwischen Erzähler, Charakter und Autor verwischend wird selbst-reflexiv zusammengefasst:
„The end, however, is clear to me. I have not forgotten it, and I feel lucky to have kept that much. The entire story comes down to what happened at the end, and without that end inside me now, I could not have started this book. The same holds for the two books that come before it, City of Glass and Ghosts. These three stories are finally the same story, but each one represents a different stage of my awareness of what it is about. […] The story is not in the words, it’s in the struggle.” (294)

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Wie bereits bei den beiden anderen Teilen der New York-Trilogie, beziehen sich die Seitenangaben auf die Ausgabe, die 1999 im faber and faber-Verlag erschien.

Montag, 18. Juli 2011

Rezension: Extremely Loud & Incredibly Close von Jonathan Safran Foer

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Oskars Vater befand sich in den Twin Towers, als diese am 11. September 2001 einstürzten. Damit stürzte gleichsam das sichere Gerüst von Oskars behüteter Kindheit ein. Nie wieder Daddys Gutenachtgeschichten lauschen, gemeinsames New York Times-Korrekturlesen oder Fantasieausflüge unternehmen. Bis Oskar einen Schlüssel findet und sich mit großer Entschlossenheit in ganz New York auf die Suche nach dem passenden Schloss macht: 
"Of course I wanted to talk to Mom that night I decided to go hunting for he lock, but I couldn’t. It’s not that I thought I would get in trouble for snooping around, or that I was afraid she’d be angry about the vase, or even that I was angry at her for spending so much time laughing with Ron when she should have been adding to the Reservoir of Tears. I can’t explain why, but I was sure that she didn’t know about the vase, the envelope, or the key. The lock was between me and Dad." (51/52, meine Hervorhebung)
Doch Foers Roman erzählt nicht nur von der Suche nach dem Schloss und dem großen Warum?, das seit dem Tod des Vaters in Oskars Gedanken rumspukt, er erzählt auch von Oskars Großvater, der etwas ähnlich Traumatisches hat miterleben müssen wie zwei Generationen später sein Enkel. Dabei bedient sich Foer allerhand moderner Erzähltechniken, mit denen er verschiedene Perspektiven ergründet, die einer objektiven Wahrheit jedoch versagen, und lässt die Leser oftmals allein mit der Sinnfindung. So wird beispielsweise ein Telefongespräch zwischen Oskars verstummten Großvater und seiner Großmutter in dem Zahlencode, den der Großvater zum Kommunizieren ins Telefon eingibt, wieder gegeben oder so findet man ebenjenen Rotstift, mit den Oskars Vater einst immer die New York Times korrigierte, auch in einem Brief von Oskars Großvater wieder, den der Vater jedoch niemals erhalten hat. Dabei stehen die Profanität der Rechtschreib- und Orthografiefehler in kaum aushaltbarem Kontrast zu den unaussprechlich grausamen Kriegserlebnissen, die in dem Brief geschildert werden. Und was wollen uns die roten Markierungen sagen, die keine Fehler anzeigen?
Alles in Allem entführt Extremely Loud & Incredibly Close den Leser in eine kindliche Gedankenwelt, die sich auf ganz eigene Weise die Welt erschließt. Manchmal hat der neunjährige Oskar mehr verstanden, als so mancher Erwachsener, manchmal aber auch nicht, weil die Ereignisse außerhalb seiner Fantasiewelt sich eben nicht andersrum arrangieren und zurückspulen lassen wie das Daumenkino eines von einem der Twin Tower springenden Mannes, welches den Roman abschließt. Aber was letztendlich real ist und was nicht – manchmal mag man das eben gar nicht wissen.
Foers Roman ist traurig und lustig, verstörend und sinnig, extrem und unglaublich. 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2006 im Penguin Verlag erschien. Wer es geschafft hat, den Zahlencode von Oskars Großvater zu entschlüsseln, möge sich bitte melden.