Montag, 18. Juli 2011

Rezension: Extremely Loud & Incredibly Close von Jonathan Safran Foer

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!


Oskars Vater befand sich in den Twin Towers, als diese am 11. September 2001 einstürzten. Damit stürzte gleichsam das sichere Gerüst von Oskars behüteter Kindheit ein. Nie wieder Daddys Gutenachtgeschichten lauschen, gemeinsames New York Times-Korrekturlesen oder Fantasieausflüge unternehmen. Bis Oskar einen Schlüssel findet und sich mit großer Entschlossenheit in ganz New York auf die Suche nach dem passenden Schloss macht: 
"Of course I wanted to talk to Mom that night I decided to go hunting for he lock, but I couldn’t. It’s not that I thought I would get in trouble for snooping around, or that I was afraid she’d be angry about the vase, or even that I was angry at her for spending so much time laughing with Ron when she should have been adding to the Reservoir of Tears. I can’t explain why, but I was sure that she didn’t know about the vase, the envelope, or the key. The lock was between me and Dad." (51/52, meine Hervorhebung)
Doch Foers Roman erzählt nicht nur von der Suche nach dem Schloss und dem großen Warum?, das seit dem Tod des Vaters in Oskars Gedanken rumspukt, er erzählt auch von Oskars Großvater, der etwas ähnlich Traumatisches hat miterleben müssen wie zwei Generationen später sein Enkel. Dabei bedient sich Foer allerhand moderner Erzähltechniken, mit denen er verschiedene Perspektiven ergründet, die einer objektiven Wahrheit jedoch versagen, und lässt die Leser oftmals allein mit der Sinnfindung. So wird beispielsweise ein Telefongespräch zwischen Oskars verstummten Großvater und seiner Großmutter in dem Zahlencode, den der Großvater zum Kommunizieren ins Telefon eingibt, wieder gegeben oder so findet man ebenjenen Rotstift, mit den Oskars Vater einst immer die New York Times korrigierte, auch in einem Brief von Oskars Großvater wieder, den der Vater jedoch niemals erhalten hat. Dabei stehen die Profanität der Rechtschreib- und Orthografiefehler in kaum aushaltbarem Kontrast zu den unaussprechlich grausamen Kriegserlebnissen, die in dem Brief geschildert werden. Und was wollen uns die roten Markierungen sagen, die keine Fehler anzeigen?
Alles in Allem entführt Extremely Loud & Incredibly Close den Leser in eine kindliche Gedankenwelt, die sich auf ganz eigene Weise die Welt erschließt. Manchmal hat der neunjährige Oskar mehr verstanden, als so mancher Erwachsener, manchmal aber auch nicht, weil die Ereignisse außerhalb seiner Fantasiewelt sich eben nicht andersrum arrangieren und zurückspulen lassen wie das Daumenkino eines von einem der Twin Tower springenden Mannes, welches den Roman abschließt. Aber was letztendlich real ist und was nicht – manchmal mag man das eben gar nicht wissen.
Foers Roman ist traurig und lustig, verstörend und sinnig, extrem und unglaublich. 

____________________

Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2006 im Penguin Verlag erschien. Wer es geschafft hat, den Zahlencode von Oskars Großvater zu entschlüsseln, möge sich bitte melden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen