Donnerstag, 25. August 2011

Rezension: The Particular Sadness of Lemon Cake von Aimee Bender

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Kurz bevor Rose 9 Jahre alt wird, erlebt sie etwas äußerst Merkwürdiges, als sie nichts ahnend in den Zitronenkuchen ihrer Mutter beißt: „the goodness of the ingredients – the fine chocolate, the freshest lemons – seemed like a cover over something larger and darker […], but in drifts and traces, in an unfurling, or an opening, it seemed that my mouth was also filling with the taste of smallness, the sensation of shrinking, of upset, tasting a distance I somehow knew was connected to my mother, tasting a crowded sense of her thinking, a spiral […].” (11) Sie kann schmecken, was derjenige, der die Speise zubereitet hat, fühlt! Da Gift und Gabe oftmals einhergehen, wird Roses Erwachsenwerden zu einem täglichen Kampf, mit ihrer Fähigkeit umzugehen. Denn nicht immer will sie so offensichtlich schmecken, was ihren Freunden, ihrer Familie und Fremden auf dem Herzen liegt. Und weil Rose niemandem ihre Fähigkeit begreiflich machen kann, ohne für verrückt erklärt zu werden, ist sie so sehr mit sich selber beschäftigt, dass sie gar nicht merkt, dass in ihrer unmittelbaren Umgebung noch jemand einen ähnlichen Kampf austrägt – und zu verlieren droht.
The Particular Sadness of Lemon Cake ist eine Familiengeschichte, die zugleich fantastisch und doch so greifbar ist. 

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Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 2011 bei Windmill Books erschien.

Mittwoch, 3. August 2011

Rezension: Die Leichen des jungen Werther von Susanne Picard

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Aus der gleichen Reihe wie Die Abenteuer von Huckleberry Finn und Zombie-Jim und Sissi, die Vampirjägerin entspringt, (sehr) frei nach Johann Wolfgang von Goethe, Picards Die Leichen des jungen Werther. Beginnt der Briefroman doch ähnlich wie das Original, ist Werther bloß eine Parodie seines ursprünglichen Selbst – Macho (die Emanzipation ist seiner Meinung nach der „größte[…] Unsinn aller Zeiten“ 27), in Selbstmitleid versinkender Emo („Nein, heute werde ich die Kerze früher ausblasen als sonst und mir selbst leid tun.“ 46) und überheblich selbstverliebt („[….] das Wertvollste, was ich besitze. Meinen genialen, brillanten, so überaus begabten Verstand.“ 113). Und das provinziale und naturhafte Wahlheim wird zu einem Ort, an dem scheinbar die Fleischfäule wütet. Natürlich ist der städtische Werther (wie er, um Lotte zu erobern, mit allen Mitteln unter Beweis stellen will) diesen Primitiven, die an Untote glauben, geistig weit voraus  – oder etwa primitiver als alle Anderen? Denn wir wissen ja alle, dass die rosarote Brille des Verliebtseins so Manches nicht nur schön einfärbt, sondern gänzlich ausblendet…
Wer eine ernstzunehmende Neuinterpretation des Klassikers erwartet, wird enttäuscht sein; wer sich aber köstlich amüsieren will, darf gerne zugreifen. Allerdings nutzt sich der Humor recht schnell ab, der Versuch, Werthers Sprache nachzuempfinden, scheitert bisweilen (siehe „Flirt“ 177) und die Illustrationen sind – im Gegensatz zur Covergestaltung – leider schlecht und somit überflüssig. Wer hätte letzten Endes aber gedacht, dass Goethes Meilenstein des Sturm und Drang sich zur Vorlage eines Splatter-Romans eignen würde? Während sich mancher Leser vielleicht vor Lachen krümmt, dreht sich Goethe wahrscheinlich im Grab um. Aber: „Wir wollen nicht ausschließen, dass auch die Untoten auf ihre Weise glücklich sein können.“ (280, Hervorhebung im Original)

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Erstauflage des Panini Verlags, April 2011.