Freitag, 30. September 2011

Rezension: The French Lieutenant's Woman von John Fowles

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Das Viktorianische Zeitalter trifft auf die Postmoderne!
Dabei beginnt alles ganz harmlos: Es ist das Jahr 1867. Charles geht mit seiner Verlobten Ernestina spazieren und die beiden laufen zufällig einer etwas ungewöhnlichen Gestalt über den Weg. „They call her the French Lieutenant’s… Woman.“ […] and how her stare was aimed like a rifle at the farthest horizon.“ (9) Doch Charles, der sich eigentlich für Fossilien interessiert, entwickelt eine Faszination für die tragische Geschichte, die hinter dieser von der Gesellschaft abgekehrten Frau steckt. Was sich zunächst als klassischer viktorianischer Gesellschaftsroman liest, bei dem es um den Konflikt zwischen standesgemäßer Heirat und persönlichem Interesse geht, wird bald zu einem erzählerischen Experiment. Denn nach knapp 100 Seiten, in Kapitel 13, meldet sich plötzlich der Erzähler zu Wort:
„I don’t know. This story I am telling is all imagination. […] Perhaps you suppose that a novelist has only to pull the right strings and his puppets will behave in a lifelike manner; […] But I find myself suddenly like a man in the sharp spring night, watching from the lawn beneath that dim upper window in Marlborough House; […] The novelist is still a god, since he creates (and not even the most aleatory avant-garde modern novel has managed to extirpate its author completely); what has changed is that we are no longer the gods of the Victorian image; omniscient and decreeing; but in the new theological image, with freedom our first principle, not authority. I have disgracefully broken the illusion?” (95-97)
Anschließend setzt er die Geschichte fort, als hätte dieser Monolog nie statt gefunden; nur ab und an fällt eine kleine Bemerkung, die uns spüren lässt, dass das Viktorianische Zeitalter nur als Illusion heraufbeschworen wurde und schon längst passé ist, wie beispielsweise ein Vergleich der Hauptfigur mit einem Computer. Erst über 200 Seiten später, wenn der Leser wieder völlig versunken in dieser Illusion ist, unterbricht der Erzähler erneut – um die Geschichte zu beenden und uns anschließend zu sagen, dass das, was er uns gerade als ‚Wahrheit’ verkauft hat, nur Wunschdenken war! Von da an kippt die Erzählung, wir befinden uns nicht mehr in einem viktorianischen Gesellschaftsroman mit leicht postmodernem Touch, sondern in einer postmodernen Spielerei mit Erzähltechniken und Ebenen der Fiktionalität, die den Leser letztendlich orientierungslos sich selbst überlässt auf der Suche nach der ‚wahren’ Geschichte über die Geliebte des französischen Leutnanten.
Fowles’ Roman beleuchtet die Vergangenheit aus der gegenwärtigen Perspektive und die Gegenwart aus der viktorianischen Perspektive. Wer hätte gedacht, dass zwei Zeitalter, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer solchen Konstellation so viel Spaß machen!? 

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Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 1998 bei Back Bay erschien.

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