Freitag, 14. Oktober 2011

Rezension: Cosmopolis von Don DeLillo

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Ein beliebiger Apriltag im Jahr 2000. Wir befinden uns in Manhattan. Und Eric Packer, 28 Jahre alt, Multimilliardär und Businessman, möchte zum Frisör. Das ist einfacher gesagt als getan. Denn einmal in seine weiße Stretchlimousine eingestiegen, begibt er sich auf eine Odyssee, die gleichzeitig an Absurdität und Wirklichkeitsnähe nicht zu überbieten ist. Die Welt, in der wir uns befinden, ist dermaßen digitalisiert und virtualisiert, dass das wahre Leben dagegen unscheinbar blass aussieht. Dabei passiert doch so viel: Globalisierungsgegner, die demonstrieren und sich, um ihrer Botschaft Nachdruck zu verleihen und Aufmerksamkeit zu erhaschen, selbst anzünden… erotische Abenteuer und seine frisch angetraute, eher keusche Ehefrau, die Millionenerbin und Poetin ist, kreuzen mehrmals Erics Weg… er macht sich spontan nackig für Filmaufnahmen, feiert in einer Disco ab und marschiert mit im Trauerumzug für einen kürzlich verstorbenen, aber nicht dramatisch niedergeschossenen, Rapper. Die Reihenfolge ist dabei eigentlich egal, denn Eric ist zwar Dank seiner medialen Ausstattung stets nah am Geschehen, doch innerlich fern und entfremdet von dieser Welt. Alles, was ihn interessiert, ist sein Haarschnitt und der Kurs des Yen. Wieso letzterer so interessant ist, weiß der Vermögensverwalter selbst nicht so genau; mit Geld handeln tut er nur um des Geldes Willen. Er hat ja auch alles, was man sich vorstellen kann! Kork in der Limousine, ein 48-Zimmer-Apartment ausgestattet mit jeglichem technischen Schnickschnack sowie eine asymmetrische Prostata. Obwohl diese ihn ein bisschen beunruhigt, ist sie nicht das, was ihm zum Verhängnis wird. Denn die nonlineare Erzählstruktur lässt uns bereits im 2. Kapitel des 1. Teils Schlimmes vermuten... Erics 19 Jahre ältere Liebhaberin und Repräsentantin einer älteren Generation sagte einmal zu ihm: „Life is too contemporary“ (27), doch während in der Vergangenheit die Zukunft noch in der Technik lag, liegt im Jahr 2000 die Zukunft schon in der Technik.
DeLillo rechnet ab mit der Millenniumsgeneration, bevor das Millennium richtig starten konnte. Das Bild, das er dabei sprachlich aufbaut, ist fragmentiert; kaum hat ein Gedanke begonnen, wird dieser auch schon wieder abgebrochen, weil etwas ablenkt. Wichtig und unwichtig, Chaos und System, sind dabei nicht immer auseinander zuhalten. Eric Packer ist nicht bloß ein Charakter in einem Roman, er ist ein Symptom einer Gesellschaft. Sein Tod soll ein Weckruf sein, doch geht auch der im Durcheinander des Romans, sowohl auf sprachlicher als auch inhaltlicher Ebene, ein wenig unter.

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Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 2004 bei Scribner erschien.

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