Freitag, 23. Dezember 2011

Rezension: Timequake von Kurt Vonnegut


Timequake ist der letzte Roman Vonneguts, insofern man dieses Buch überhaupt als Roman bezeichnen kann. Denn Timequake besteht einerseits aus einer Inhaltszusammenfassung des eigentlichen Romans Timequake, den Vonnegut nun mit Timequake One bezeichnet und niemals veröffentlicht hat, und autobiografischen Anekdoten andererseits. Dabei steht Vonnegut oftmals im Dialog mit Kilgore Trout, dem fiktionalen Autor, den Vonnegut sich als eine Art Alter Ego schuf und der darüber hinaus auch in Timequake One eine entscheidende Rolle spielt. Die Idee hinter Timequake One ist nämlich, dass die Menschen im Jahr 2001 (was zur Zeit der Veröffentlichung von Timequake, 1997, noch die Zukunft war) durch ebenjenes ‚Zeitbeben’ ins Jahr 1991 zurückversetzt werden und alles, was in diesen 10 Jahren passiert ist, noch einmal durchleben. Dabei sind sie sich zunächst bewusst, alle Dinge noch mal zu tun, allerdings können sie daran nichts ändern, müssen jeden ihrer Fehler konsequent zum zweiten Mal machen und sitzen wie ferngesteuert in dieser Schleife fest. Und während dies zu einer ausgeprägten Gleichgültigkeit führt, bleibt Trout jedoch putzmunter. Als 2001 der freie Wille endlich wieder in Kraft tritt, ist er der einzige, der nicht von PTA, ‚Post-Timequake Apathy’, befallen ist und wird so zum Helden der Geschichte.
Obwohl Timequake in Kapitel unterteilt ist, sind diese Einteilungen eher willkürlich. Generell ist dieses Werk Vonneguts sehr fragmentiert und von vielen Gedankensprüngen gekennzeichnet. Die vielen Abschnitte zwischen den einzelnen (klitze-)kleinen Erzähleinheiten scheinen den Eindruck erwecken zu wollen, der Autor habe seine Geschichte, also die von Timequake One und seine Lebensgeschichte, so nieder geschrieben, wie sie ihm gerade häppchenweise in Erinnerung kam.
Grundsätzlich ist die Idee des Timequakes und welche Auswirkungen es auf das menschliche Verhalten hat sehr interessant. Für Fans von Vonnegut ist Timequake auch sicherlich ein sehr interessantes Buch, Vonnegut-Neulinge sollten allerdings erst einmal zu seinen bekannten Werken wie Slaughterhouse-Five greifen. 

Sonntag, 18. Dezember 2011

Link-Tipp: Reclam trifft auf GNTM

Das ist Dramatik, wie sie nur das Leben schreibt. Oder das Fernsehen. Aber wo ist da schon der Unterschied!?

Zwei Berliner Kommunikationsdesignstudenten haben sich im vergangenen Sommersemester die Mühe gemacht, das Staffelfinale von Germany's Next Topmodel zu transkribieren. Das Werk, das mit seinem Reclam-Cover den Klassikern nacheifert, ist betitelt Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet. Oder auch nicht. Denn auch hier eifert man einem Klassiker nach - Viel Lärm um Nichts. Trotzdem spornt dieses Projekt dazu an, mal den Stellenwert der Castingshows in unserer Gesellschaft zu überdenken.
Und wer denkt, man bekäme so das GNTM-Finale ohne die nervigen Werbeunterbrechungen, der irrt: Diese wurden zwar nicht transkribiert, dafür aber mit ambitioniert abstrakten Fotografien ersetzt. Die sehen zwar nett aus, nerven teilweise aber genauso, wobei sie andererseits den Kontrast zwischen bedeutungsloser Prime Time Beschallung und Kunst hervorheben. Und im Gegensatz zur Fernsehshow Denkvermögen voraussetzen.

Im Folgenden könnt ihr das Ganze umsonst online lesen (eine Printversion gibt es - noch? - nicht):


Mittwoch, 14. Dezember 2011

Link-Tipp: 21 Words

Zeit ist Geld, das wissen wir ja schon lange. Und da es ja schon Twitter-Kurzprosa mit einem Wortlimit von 140 Zeichen gibt, wird es auch langsam Zeit, die Länge von Buchbesprechungen zu überdenken. Oder? Für all diejenigen, denen ich zu viel um den heißen Brei herumschreibe, gibt es jetzt eine Plattform, die für Rezensionen ein Limit von 21 Wörtern angesetzt hat. Mitmachen kann jeder und rezensiert werden nicht nur Bücher, sondern auch Filme, Videospiele, Musik und viel mehr.


Hier noch ein kleines Beispiel: So sieht dann in etwa eine komprimierte Version meiner Rezension von Jonathan Safran Foers Extremely Loud and Incredibly Close aus:

(Ausschnitt von http://www.21words.net/reviews.html?cat=Books&title=Extremely+Loud+And+Incredibly+Close)



Grundsätzlich finde ich die Idee hinter 21 Words sehr interessant; den Gesamteindruck eines 500-Seiten-Schinkens auf 21 Wörter zu reduzieren stellt zumindest für den Verfasser der Rezension eine große Herausvorderung dar. Leider wählt nicht jeder seine 21 Wörter sehr sorgfältig, so dass manche dieser Rezensionen Stammtischparolen ähneln. Und auch wenn sie einen guten ersten Eindruck vermitteln, so ersetzen diese Rezensionsschnipsel doch keine gründliche Buchbesprechung.



Dienstag, 13. Dezember 2011

Rezension: The Age of Longing von Arthur Koestler

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Koestlers Roman aus dem Jahr 1950, wie er selbst in einer Notiz voranstellt, “merely carries the present one step further in time“. So ist die Handlung im Paris Mitte/Ende der 1950er Jahre angesiedelt, während die demokratische USA und die sozialistisch-kommunistische Commonwealth of Freedomloving People um die Vorherrschaft in Europa kämpfen. Im Laufe von Feierlichkeiten zum Bastille Day treffen Hydie, eine Tochter aus wohlhabendem amerikanischem Hause, die einst im Kloster lebte, derweil aber frisch geschieden ist, und Fedya Nikitin, sowjetischer Kulturattaché, zufällig aufeinander. Und weil ja bekanntlich das Verbotene umso spannender ist, treibt das sich entwickelnde Verhältnis zwischen den beiden die Handlung des Romans voran and vertieft zudem das grundlegende Thema das Romans: Sehnsucht und Verlangen. Wonach? Das scheint zu Zeiten des drohenden Aufruhrs keine Rolle mehr zu spielen. So beschreibt Hydie ihre Faszination für Fedya wie folgt: „He had faith, she thought with hungry envy, something to believe in. That was what made him so fascinating and unlike all the people she usually met - so unlike her father or herself, not to mention the Three Ravens Nevermore. At last somebody who did not live in a glass cage.” (40) Doch Hydies romantische Gedanken werden schon bald von der politischen Realität eingeholt. Der erste Teil von Koestlers Roman endet - ohne zu viel zu verraten - mit einem Ereignis, das die Situation um die drohende Übernahme Frankreichs durch eine der beiden Großmächte zuspitzen wird. Diese Ereignisse werden allerdings nur kurz und knapp in einem Zwischenspiel abgehandelt, welches Koestler bezeichnet als „chapter from an as yet unwritten history book“ und welches sich, untypisch für ein Geschichtsbuch, durch eine markante Metaphorik auszeichnet. Im darauf folgenden zweiten Teil herrscht wieder die Ruhe nach beziehungsweise vor dem Sturm. Koestlers Idee scheint zu sein, dass genau zu solchen Zeiten des ‚Wartens’ die wahre menschliche Natur zum Vorschein kommt. Das, was uns motiviert; das, was uns ausmacht. Darin offenbart sich vor Allem ein Trugschluss: Sich nach Allem zu sehnen, was abwesend ist, verwandelt das potentiell Anwesende in ein Nichts. In solchen Fällen kann die Sehnsucht nicht nur Herzen brechen, sondern auch Kopf und Kragen kosten.

Koestler entwirft ein beklemmendes Szenario der Zukunft, das natürlich zum Zeitpunkt des Verfassens fast schon eher gegenwärtig als zukunftsweisend war. Trotzdem ist es auch für heutige Leser, die vielleicht den Kalten Krieg gar nicht bewusst miterlebt haben, sehr interessant, da die Fragen bezüglich menschlicher Handlungsmotive in Gegenwart einer ungewissen, aber scheinbar gewiss doch hoffnungslosen Zukunft Universalcharakter haben. Denn ähnlich wie Hydie, dem Aushängeschild einer Generation von unentschiedenen (Luxus-)Problemkindern, geht es doch heute vielen jungen Erwachsenen - wir Fragen uns, wie lange es uns noch so gut gehen wird, und weil wir fest davon überzeugt sind, dass uns bald, irgendwann, etwas Schlimmes widerfahren wird, lassen wir uns die Leichtigkeit des Seins auch von niemandem erschweren. Und obwohl wir uns rücksichtslos so sehr mit uns selber beschäftigen, merken wir gar nicht, dass wir uns selbst eigentlich nur im Weg stehen.     

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Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 1951 bei Macmillan erschien.  

Freitag, 9. Dezember 2011

Link-Tipp: Interview mit Joyce Carol Oates

Interviews mit ihr sind selten, lange Interviews seltener. Für The Bat Segundo Show hat Joyce Carol Oates kürzlich dennoch ein 36-minütiges Interview gegeben und diskutiert unter anderem Gewalt und Albträume in der Erzählliteratur, schreibende Frauen, das Wort "glisten" und den Reiz des Staubsaugens.

Wer sich das (englischsprachige) Interview anhören möchte, der klickt bitte den folgenden Link an:



Und für diejenigen, die sich fragen, wer überhaupt Joyce Carol Oates ist: Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren und ist Autorin unzähliger Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher, sowie Fachliteratur. Viele ihrer Romane drehen sich inhaltlich um zwischenmenschliche Beziehungen sowie die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei beleuchtet sie stets neue Milieus - ob reich oder arm, urban oder ländlich, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, jung oder alt...  Dennoch gibt es immer wieder Romane, die von diesem Schema abweichen, wie beispielsweise ihre Gothic Saga Anfang der 1980er Jahre oder ihre biofiction Blonde über das Leben von Marilyn Monroe. Außerdem unterrichtet sie Creative Writing in Princeton.


Mittwoch, 7. Dezember 2011

Artikel: „Look too closely, […] and you will see monsters.“ - Jacksons “My Body - A Wunderkammer” bringt Fragen der Weiblichkeit auf den G-Punkt. G, wie Gesellschaft.

Shelley Jacksons Hypertext „My Body - A Wunderkammer“ aus dem Jahr 1997 präsentiert sich als autobiografisches Werk, in welchem die Autorin vor allem ihr Heranwachsen als Künstlerin und Frau thematisiert. Zentral ist dabei die Gleichung vom Körper als Text, die Inhalt und Form vereint. Im Folgenden ein paar grundlegende Gedanken.

Klickt hier, um zu Jacksons Text weiter geleitet zu werden.

Klickt man auf die Startseite von Shelley Jackson’s „My Body - A Wunderkammer“ und schlägt somit die erste Seite dieser Autobiografie auf, so erscheint eine Grafik eines Frauenkörpers, dessen Körperteile unterteilt und mit Links versehen sind. Klickt man diese wiederum an, werden die einzelnen Lexia (Texteinheiten) angezeigt, welche auch untereinander verknüpft sind oder gar auf Lexia verweisen, die von der Ursprungsgrafik aus nicht abrufbar sind. Somit stellt Jacksons Werk, typisch für dieses Genre, den Leser vor eine große Herausforderung: Wo fange ich an zu lesen? In welcher Reihenfolge fahre ich fort? Es ist des Lesers Aufgabe, aus den einzelnen Lexia ein kohärentes Ganzes zu erstellen.

Wie der Titel bereits preisgibt, sieht Jackson ihren Körper als Wunderkammer. Dies beschreibt auch sehr schön den Leseeindruck, denn von autobiografischen Realismus scheint die Autorin nicht besonders viel zu halten - so widmet sie beispielsweise ihrem Schwanz ein eigenes Kapitel und vertieft dort auf einer symbolischen Ebene einen Kernkonflikt ihrer Identität: die Spannung zwischen biologischem Geschlecht und Gender, dem gesellschaftlich konstruierten Geschlecht. Ist mein Gender automatisch weiblich, weil ich körperlich weiblich bin? Wer bestimmt wie, was Weiblichkeit überhaupt ausmacht? Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung? Oder kann ich mir mein Gender letztendlich selber aussuchen?
Obwohl Jackson Gender denaturalisiert und seine Künstlichkeit herausstellt, verneint sie implizit dennoch die letzte Frage. Denn die Beschreibung ihres Heranwachsens ist geprägt von Situationen, in denen die Autorin schonungslos dem Urteil anderer ausgeliefert ist. Zwar ist Jackson als Jugendliche eigentlich  immer stolz auf ihre breiten Schultern und muskulösen Oberarme gewesen, ihre Klassenkameraden verfügten jedoch über die Macht, Zufriedenheit in Unwohlsein und Scham zu verwandeln.

„There’s a boy in here! Groups of girls stand around in conference, throwing glances at me. I do my best to look indifferent. Finally a spokesperson is elected, comes up: Are you a boy or a girl? The rest cluster around. My breasts, which I would just as soon hide from the world forever, are adduced as evidence. My clothes are plucked, assessed. Sometimes the interrogation is merely curious, sometimes it is hostile. It is all horrible to me. I wish I could keep my body out of the running, go to a third restroom, the one for monsters and hermaphrodites.”

Identität kann eben nicht nur allein aus innerer Überzeugung bestehen, sie braucht auch Bestätigung von außerhalb, da sie nur in Abgrenzung zu anderen Identitätskonstrukten existieren kann. Was insbesondere die Geschlechts-identität betrifft, so beschreibt Jackson eine Gesellschaft, in der ein starres Binärsystem dominiert, dessen zwei Komponenten, männlich und weiblich, als scheinbar natürlich propagiert werden. Daran vermag auch Jackson nichts zu ändern. Was sie allerdings kann, ist, uns darauf aufmerksam machen, dass dieses System eben weder natürlich noch absolut ist. In ihrem künstlerischen Spiel mit der (Geschlechts-)Identität liegt das Potential, den Diskurs über ebenjene subversiv zu unterlaufen. Ist der Körper ein Text, den die Gesellschaft schreibt und den das Individuum sich einverleibt, so kann das Individuum als Teil dieser Gesellschaft Passagen editieren. Das Ganze beeinflusst eben nicht nur das Teil, sondern das Teil beeinflusst auch das Ganze, ohne das es nicht existieren würde.


Freitag, 2. Dezember 2011

(Bastel-)Tipp: Lesezeichen

Es ist Dezember und alle Jahre wieder ist plötzlich schon bald Weihnachten. Wer noch keine Idee hat, wie man den eher unpersönlichen Amazon-Gutschein für seinen liebsten Bücherwurm mit etwas Persönlichem aufpeppen könnte, dem könnte diese Idee, die sich schnell und einfach in die Tat umsetzen lässt, gefallen: Gestaltet ein Bücherwurm-Lesezeichen!

So - oder so ähnlich - sieht ein solches Lesezeichen aus:


Alles, was ihr dafür braucht, sind 5 kleine Holzperlen, eine etwas größere Holzperle, sowie ein circa 30cm langes, schmales Band (alternativ auch eine Kordel) und wasserfeste Stifte. Eurer Fantasie sind bei der Farbauswahl der Materialien keine Grenzen gesetzt.

Zu allererst macht ihr dann ins untere Ende der Schnur einen Knoten (zur Not auch zwei oder drei übereinander) und fädelt dann eine von den kleinen Holzperlen auf. Damit diese an Ort und Stelle bleibt, muss über ihr auch ein Knoten gemacht werden. Nun fädelt ihr die restlichen Perlen, beginnend mit der großen, auf und verknotet auch das andere Ende des Bandes. Den letzten Schliff verleiht ihr dem Bücherwurm indem ihr ihm (oder ihr) ein Gesicht aufmalt. Wer möchte, kann mit ein bisschen Wolle oder kleinen Federn, die mit etwas Klebstoff am oberen Rand der großen Perle anzubringen sind, gegen die Kahlköpfigkeit des Wurms vorgehen. 


Viel Spaß und gutes Gelingen!