Mittwoch, 7. Dezember 2011

Artikel: „Look too closely, […] and you will see monsters.“ - Jacksons “My Body - A Wunderkammer” bringt Fragen der Weiblichkeit auf den G-Punkt. G, wie Gesellschaft.

Shelley Jacksons Hypertext „My Body - A Wunderkammer“ aus dem Jahr 1997 präsentiert sich als autobiografisches Werk, in welchem die Autorin vor allem ihr Heranwachsen als Künstlerin und Frau thematisiert. Zentral ist dabei die Gleichung vom Körper als Text, die Inhalt und Form vereint. Im Folgenden ein paar grundlegende Gedanken.

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Klickt man auf die Startseite von Shelley Jackson’s „My Body - A Wunderkammer“ und schlägt somit die erste Seite dieser Autobiografie auf, so erscheint eine Grafik eines Frauenkörpers, dessen Körperteile unterteilt und mit Links versehen sind. Klickt man diese wiederum an, werden die einzelnen Lexia (Texteinheiten) angezeigt, welche auch untereinander verknüpft sind oder gar auf Lexia verweisen, die von der Ursprungsgrafik aus nicht abrufbar sind. Somit stellt Jacksons Werk, typisch für dieses Genre, den Leser vor eine große Herausforderung: Wo fange ich an zu lesen? In welcher Reihenfolge fahre ich fort? Es ist des Lesers Aufgabe, aus den einzelnen Lexia ein kohärentes Ganzes zu erstellen.

Wie der Titel bereits preisgibt, sieht Jackson ihren Körper als Wunderkammer. Dies beschreibt auch sehr schön den Leseeindruck, denn von autobiografischen Realismus scheint die Autorin nicht besonders viel zu halten - so widmet sie beispielsweise ihrem Schwanz ein eigenes Kapitel und vertieft dort auf einer symbolischen Ebene einen Kernkonflikt ihrer Identität: die Spannung zwischen biologischem Geschlecht und Gender, dem gesellschaftlich konstruierten Geschlecht. Ist mein Gender automatisch weiblich, weil ich körperlich weiblich bin? Wer bestimmt wie, was Weiblichkeit überhaupt ausmacht? Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung? Oder kann ich mir mein Gender letztendlich selber aussuchen?
Obwohl Jackson Gender denaturalisiert und seine Künstlichkeit herausstellt, verneint sie implizit dennoch die letzte Frage. Denn die Beschreibung ihres Heranwachsens ist geprägt von Situationen, in denen die Autorin schonungslos dem Urteil anderer ausgeliefert ist. Zwar ist Jackson als Jugendliche eigentlich  immer stolz auf ihre breiten Schultern und muskulösen Oberarme gewesen, ihre Klassenkameraden verfügten jedoch über die Macht, Zufriedenheit in Unwohlsein und Scham zu verwandeln.

„There’s a boy in here! Groups of girls stand around in conference, throwing glances at me. I do my best to look indifferent. Finally a spokesperson is elected, comes up: Are you a boy or a girl? The rest cluster around. My breasts, which I would just as soon hide from the world forever, are adduced as evidence. My clothes are plucked, assessed. Sometimes the interrogation is merely curious, sometimes it is hostile. It is all horrible to me. I wish I could keep my body out of the running, go to a third restroom, the one for monsters and hermaphrodites.”

Identität kann eben nicht nur allein aus innerer Überzeugung bestehen, sie braucht auch Bestätigung von außerhalb, da sie nur in Abgrenzung zu anderen Identitätskonstrukten existieren kann. Was insbesondere die Geschlechts-identität betrifft, so beschreibt Jackson eine Gesellschaft, in der ein starres Binärsystem dominiert, dessen zwei Komponenten, männlich und weiblich, als scheinbar natürlich propagiert werden. Daran vermag auch Jackson nichts zu ändern. Was sie allerdings kann, ist, uns darauf aufmerksam machen, dass dieses System eben weder natürlich noch absolut ist. In ihrem künstlerischen Spiel mit der (Geschlechts-)Identität liegt das Potential, den Diskurs über ebenjene subversiv zu unterlaufen. Ist der Körper ein Text, den die Gesellschaft schreibt und den das Individuum sich einverleibt, so kann das Individuum als Teil dieser Gesellschaft Passagen editieren. Das Ganze beeinflusst eben nicht nur das Teil, sondern das Teil beeinflusst auch das Ganze, ohne das es nicht existieren würde.


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