Dienstag, 13. Dezember 2011

Rezension: The Age of Longing von Arthur Koestler

Kauf mich bei Amazon
-
Klick aufs Bild!
 



Koestlers Roman aus dem Jahr 1950, wie er selbst in einer Notiz voranstellt, “merely carries the present one step further in time“. So ist die Handlung im Paris Mitte/Ende der 1950er Jahre angesiedelt, während die demokratische USA und die sozialistisch-kommunistische Commonwealth of Freedomloving People um die Vorherrschaft in Europa kämpfen. Im Laufe von Feierlichkeiten zum Bastille Day treffen Hydie, eine Tochter aus wohlhabendem amerikanischem Hause, die einst im Kloster lebte, derweil aber frisch geschieden ist, und Fedya Nikitin, sowjetischer Kulturattaché, zufällig aufeinander. Und weil ja bekanntlich das Verbotene umso spannender ist, treibt das sich entwickelnde Verhältnis zwischen den beiden die Handlung des Romans voran and vertieft zudem das grundlegende Thema das Romans: Sehnsucht und Verlangen. Wonach? Das scheint zu Zeiten des drohenden Aufruhrs keine Rolle mehr zu spielen. So beschreibt Hydie ihre Faszination für Fedya wie folgt: „He had faith, she thought with hungry envy, something to believe in. That was what made him so fascinating and unlike all the people she usually met - so unlike her father or herself, not to mention the Three Ravens Nevermore. At last somebody who did not live in a glass cage.” (40) Doch Hydies romantische Gedanken werden schon bald von der politischen Realität eingeholt. Der erste Teil von Koestlers Roman endet - ohne zu viel zu verraten - mit einem Ereignis, das die Situation um die drohende Übernahme Frankreichs durch eine der beiden Großmächte zuspitzen wird. Diese Ereignisse werden allerdings nur kurz und knapp in einem Zwischenspiel abgehandelt, welches Koestler bezeichnet als „chapter from an as yet unwritten history book“ und welches sich, untypisch für ein Geschichtsbuch, durch eine markante Metaphorik auszeichnet. Im darauf folgenden zweiten Teil herrscht wieder die Ruhe nach beziehungsweise vor dem Sturm. Koestlers Idee scheint zu sein, dass genau zu solchen Zeiten des ‚Wartens’ die wahre menschliche Natur zum Vorschein kommt. Das, was uns motiviert; das, was uns ausmacht. Darin offenbart sich vor Allem ein Trugschluss: Sich nach Allem zu sehnen, was abwesend ist, verwandelt das potentiell Anwesende in ein Nichts. In solchen Fällen kann die Sehnsucht nicht nur Herzen brechen, sondern auch Kopf und Kragen kosten.

Koestler entwirft ein beklemmendes Szenario der Zukunft, das natürlich zum Zeitpunkt des Verfassens fast schon eher gegenwärtig als zukunftsweisend war. Trotzdem ist es auch für heutige Leser, die vielleicht den Kalten Krieg gar nicht bewusst miterlebt haben, sehr interessant, da die Fragen bezüglich menschlicher Handlungsmotive in Gegenwart einer ungewissen, aber scheinbar gewiss doch hoffnungslosen Zukunft Universalcharakter haben. Denn ähnlich wie Hydie, dem Aushängeschild einer Generation von unentschiedenen (Luxus-)Problemkindern, geht es doch heute vielen jungen Erwachsenen - wir Fragen uns, wie lange es uns noch so gut gehen wird, und weil wir fest davon überzeugt sind, dass uns bald, irgendwann, etwas Schlimmes widerfahren wird, lassen wir uns die Leichtigkeit des Seins auch von niemandem erschweren. Und obwohl wir uns rücksichtslos so sehr mit uns selber beschäftigen, merken wir gar nicht, dass wir uns selbst eigentlich nur im Weg stehen.     

____________________
Die Seitenangabe bezieht sich auf die Ausgabe, die 1951 bei Macmillan erschien.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen