Freitag, 15. Juni 2012

Die Shakespeare Schwestern von Eleanor Brown


„Was, wenn der Name, den man Ihnen gegeben hat, bereits von jemandem getragen wurde, der in derart intensiv ausgefüllt hat, dass allein seine Erwähnung den ursprünglichen Träger ins Gedächtnis ruft und Ihr Dasein zu wenig mehr als einem Echo verblassen lässt?“ (72)
So ähnlich ergeht es den drei Töchtern der Andreas Familie, die allesamt von ihrem literatur-verrückten Vater nach Shakespeare-Figuren benannt wurden. Da wären die bodenständige und loyale Rosalind, benannt nach der weiblichen Hauptfigur in der Komödie Wie es euch gefällt, Bianca, deren Name von Cassios Liebhaberin in Othello stammt, und das Nesthäkchen Cordelia, die sich den Namen mit der jüngsten Tochter King Lears teilt. Doch nicht nur haben die drei jungen Frauen Probleme, sich gegen ihre fiktiven Pendants zu behaupten und dem ihnen somit vorgeschriebenen Schicksal zu entfliehen, sie haben auch miteinander so ihre Schwierigkeiten. Und diese kommen unausweichlich zum Vorschein, als es alle drei Schwestern wieder in ihr elterliches Heim in den Mittleren Westen treibt. Dort kämpft ihre Mutter gegen den Brustkrebs und die Schwestern kämpfen mit sich selber. „Denn die Geheimnisse von Schwestern sind Schwerter.“ (200) Es versteht sich von selber, dass die Schwestern ihre Sorgen nicht ewig für sich behalten können…
Eleanor Brown schrieb mit Die Shakespeare Schwestern einen Roman, der die Dynamiken hinter schwesterlichen Beziehungen beleuchtet und den wahren Auslöser, der die Schwestern in ihre misslichen Situationen brachte, ausfindig macht. Denn so verschieden Rose, Bean und Cordy (die ihre Spitznamen benutzen, um sich vom literarischen Vorbild abzugrenzen und neu zu erfinden) auch sind, so sind sie letztendlich doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt. Das ist es auch, womit der Roman den Leser fesselt: Ein bisschen von jeder Schwester steckt in jedem von uns. Darüber hinaus wird das Debüt Browns aus einer interessanten Perspektive geschildert - über weite Strecken wird mit der ersten Person Plural, dem wir, erzählt. Da fällt es manchmal schwer zu entscheiden, welche der drei Schwestern sich gerade mit ihrer Version der Geschichte durchsetzt. Außerdem sind die vielen Shakespeare-Zitate, die die Schwestern und ihre Eltern in ihre Rede einflechten, sehr erfrischend. Eher frustrierend ist leider, dass es zu wenige Hintergrundinformationen über die Shakespeare-Charaktere gibt. Dies mag jedoch an der deutschen Leserschaft liegen, die auch mit einer Eins-zu-Eins-Übersetzung des englischen Originaltitels, The Weird Sisters, größtenteils nicht auf Anhieb hätte etwas anfangen können. Viel störender ist für mich deswegen auch das Ende des Romans, welcher zumindest für mein Empfinden ein bisschen zu aalglatt und  kitschig verebbt.

________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die erste Ausgabe, die im Mai 2012 bei Insel Taschenbuch erschien. Vielen Dank an den Verlag und an Lovelybooks für das Exemplar!

Freitag, 20. April 2012

Literat des Tages: Bram Stoker

Heute vor genau 100 Jahren ist er gestorben, der Autor von Dracula (1897). Es scheint, als habe der irische Novelist, der sich unter anderem am Lyceum Theatre in London engagierte und eine enge Freundschaft zum Schauspieler Henry Irving pflegte, bereits beim Schreiben seines Gothik-Romans eine eventuelle Umsetzung in ein anderes Medium im Hinterkopf gehabt. Zwar blieb es Stoker versagt sowohl den Erfolg seines Romans als auch die Adaption seiner Vampir-Figur in zahlreichen Theater- und Filmproduktionen mitzuerleben, doch sein Einfluss auf das Genre der Horrorfiktionen ist unbestreitbar. Die Themen und Motive, die in Dracula adressiert werden, wie beispielsweise der Wunsch nach ewigem Leben und einem Jungbrunnen, sind nun mal zeitlos. Und auch wenn zeitgenössische Vampirfiguren wie Edward aus der Twilight-Saga auf den ersten Blick nicht mehr viel mit dem Auftreten des Bela Lugosi als Dracula-Darsteller zu tun haben, so tragen sie dennoch zur Unsterblichkeit des Mythos bei.


Unter dem folgenden Link findet ihr eine interessante Reportage des ZDF:

Donnerstag, 5. April 2012

Rezension: Agnes von Peter Stamm



„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ (9) Mit diesen Worten beginnt Stamms Debütroman. Das schürt natürlich die Neugierde der Leser. Und in der Tat erwartet uns in dem nur knapp 150 Seiten dünnen Roman ein bewegendes Portrait einer Beziehung, die zum scheitern Verurteilt ist. Dass der Leser dies von Anfang an weiß, nimmt dabei nichts von der Spannung, denn zu sehr wird man einfach in den Bann gezogen, den dieses Spiel des Pärchens entwickelt.
Erzählt wird die Liebesgeschichte aus seiner Sicht. Der namenlose Schweizer Sachbuchautor und gescheiterter Literat lernt während eines Rechercheaufenthalts in Chicago die jüngere Physikstudentin Agnes kennen. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick. Und tatsächlich kommen die beiden sich bald näher. Trotz dieser Distanz, diesem Fremden, das ihn Agnes einfach nicht richtig einschätzen lässt. Als Agnes von seinen literarischen Gehversuchen erfährt, bittet sie ihn, ein Portrait von ihr zu schreiben. Dieses dehnt sich aus zu einer Geschichte, die die gesamte Beziehung der beiden resümiert. Schließlich kommt der Autor in der Gegenwart an. Nun widmet er sich in seinem Geschriebenen der Zukunft des Paares, entwirft fast wie ein Drehbuchautor Szenen des Beisammenseins, welche die beiden dann nachstellen. Doch irgendwann wird das dem Pärchen zu langweilig: „,Es muß etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird’, sagte ich endlich zu Agnes. ,Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?’ ,Doch’, sagte ich, ,aber Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?’“ (68) Wie soll es aber mit den beiden weitergehen, wenn die Geschichte ein Ende gefunden hat? Und wie soll sie überhaupt enden? Es beginnt allmählich, in der Beziehung zu krieseln. Was die beiden einst zusammenschweißte, entfremdet sie nun voneinander. Und als dann etwas passiert, das so nicht in der Geschichte vorgesehen war, eskaliert die Situation…
Stamms Roman schafft es, auf wenig Raum viel Platz für die Entwicklung seiner beiden Charaktere zu schaffen. Für eine Liebesgeschichte ist der Roman nicht kitschig genug, für einen Psychothriller schlägt er dennoch eher zu kleine Wellen. Und doch ist er genau richtig. Außerdem versteckt sich hinter der Handlung nicht nur eine Studie über zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch über die Schärfe der geschriebenen Worte und wie Fiktionen unser Bild vom Sein beeinflussen. Letztendlich kreiert doch jeder Mensch in seinem Kopf dutzende Geschichten, Lebensentwürfe, nimmt Ereignisse vorweg und spielt Situationen im Voraus durch. Dabei weiß doch jeder, dass es am Ende doch ganz anders kommt. Mit seiner Fiktion über die  Macht der Fiktion bringt Stamm den Leser mit ruhigen Worten laut polternd auf den Boden der Tatsachen zurück. Agnes ist ein Buch, das über die Geschichte, die in ihm erzählt wird, hinaus ragt und auch über die Natur des Schreibens an sich erzählt.


____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die 4. Auflage, die im Januar 2011 im Fischer Taschenbuch Verlag erschien. Erstveröffentlicht wurde der Roman 1998.

Dienstag, 3. April 2012

Link-Tipp: Yale Courses online!

Zwar nicht neu, aber dennoch interessant: Die Yale University stellt teilweise ganze Vorlesungsreihen online! Für das lesebegeisterte Publikum besonders interessant sind dabei

(durchgenommen werden unter anderem Nabakov, Roth und Salinger)

und 

(beschließt den Kurs mit der Vorlesung "Who doesn't hate theory now?").


 


Zitat der Woche

Montag, 26. März 2012

Zitat der Woche

(TV-)Tipp: Literaturverfilmungen 26.03.2012

Wer heute Abend noch nichts vor hat - macht nichts! Denn heute hat man ausnahmsweise mal die Qual der Wahl zwischen drei ausgezeichneten Literaturverfilmungen im Fernsehprogramm:

1. Arte, 22.00 Uhr: Die Asche meiner Mutter (1999), nach Frank McCourts mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten autobiografischen Roman Angela's Ashes. Hier der Trailer (englisch):

 

2. NDR, 23.15 Uhr: Das Mädchen mit dem Perlenohrring (2003), nach dem gleichnamigen historischen Roman von Tracy Chevallier. Hier der Trailer (deutsch):

 

3. MDR, 23.00 Uhr: Mephisto (1981), nach dem Roman von Klaus Mann und gewinner des Oscars in der Kategorie 'Bester fremdsprachiger Film'. Mit diesem Trailer wurde er bei der Verleihung des Academy Awards vorgestellt (englisch): 

 

Wofür ihr euch entscheiden mögt (ich weiß es selber noch nicht), ich wünsche gute Unterhaltung!

Donnerstag, 22. März 2012

Rezension: Karte und Gebiet von Michel Houellebecq

Jed Martin ist Künstler. Seinen Durchbruch hatte er, der ursprünglich mit akribischer Genauigkeit Schrauben ablichtete, mit fotografischen Arbeiten, die sich mit Straßenkarten auseinandersetzen. Dieser Geniestreich geht auf einen Zufall zurück:

„Auf die Bitte seines Vaters hin […] kaufte Jed eine Straßenkarte von Creuse und Haute-Vienne aus der Reihe >>Departemental-karten<< von Michelin. Und als er dort, ein paar Schritte von den in Zellophan gehüllten Sandwiches entfernt, seine Karte auseinanderfaltete, wurde ihm seine zweite große ästhetische Offenbarung zuteil. […] Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. […] in jedem Örtchen, jedem Dorf, das seiner Größe entsprechend dargestellt war, spürte man das Herzklopfen, den Ruf Dutzender Menschenleben, Dutzender, Hunderter Seelen […].“ (50)

Jed wird geliebt vom Michelin-Konzert, von den Kritikern und von der Russin Olga. Ob diese in seinen Arbeiten dasselbe sehen wie er? Doch Liebe ist sowieso vergänglich… Als Jed sich von seiner Kunst entfremdet, orientiert er sich um. Fortan steckt er all seine Energie in Portraitmalerei, genauer gesagt in Berufsportraits. Je mehr die Romanhandlung sich vertieft, desto deutlicher kommt der doppelte Boden des Romans hervor: Denn Houellebecq höchstpersönlich, der bereits zu Beginn des Romans am Rande der Handlung auftauchte, entwickelt sich nun zu einer Art Gegenstück, fast sogar zu einer Art Spiegel für Jed. Während letzterer an seinem Meisterwerk „Houellebecq, Schriftsteller“ arbeitet, soll der Schriftsteller eine Einleitung zu Jeds Werk schreiben. So bekommt Jed ungeahnte Einblicke in das eher traurige und einsame Leben des Schriftstellers. Doch dann geschieht ein brutaler Mord und der Roman verfällt über lange Strecken fast in einen Krimi-Modus. Nach der Klärung des Mordfalls steht Jed allerdings wieder im Fokus. Erneut muss dieser, der sowohl einen Freund als auch seinen Vater verloren hat, sein Leben und Schaffen überdenken. Und er zieht drastische Schlüsse. Doch anstatt alles dafür zu tun, um nicht so isoliert zu sterben wie der Schriftsteller und sein Vater, den er bis zu seinem Tod nicht wirklich zu kennen schien, sucht Jed gezielt die Konfrontation mit der Einsamkeit.
Houellebecqs Roman ist nicht nur im Künstlermilieu angesiedelt, er kommentiert den gesellschaftlichen Status von Kunst auf indirekte Art und Weise. Der Titel gepaart mit Jeds Haltung und Ausstellungstitel >>DIE KARTE IST INTERESSANTER ALS DAS GEBIET<< (78) bieten da einen interessanten Interpretationsansatz. Denn wenn dem so ist, dass die Karte, das menschlich geschaffene Konstrukt, tatsächlich interessanter ist als das Gebiet, welches für das reale Leben stünde, dann besagt das viel über den Stellenwert von Kunst. Hochpreisung und Kritik, Ruhm und Misserfolg, Leben und Tod - Houellebecq beleuchtet in seinem Roman stets beide Seiten der Medaille. Der Mordfall, der nahezu künstlerisch inszeniert wurde, deutet allerdings ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Karte und Gebiet in der heutigen Zeit an. Jeds Reaktion darauf, der sinnbildliche Rückzug aus dem Gebiet und das Verlorengehen mit der Karte, ist sicherlich nur eine Möglichkeit, mit dieser Entwicklung umzugehen. Doch muss es wirklich zu solch radikalen Maßnahmen kommen? Mit dieser Frage entlässt Houellebecq den Leser. Darin zeigt sich, dass Karte und Gebiet eben nicht nur ein Künster-, sondern auch ein Gesellschaftsroman von gegenwärtiger Brisanz ist.
 


___________________________

Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2011 bei Dumont erschien.

Mittwoch, 21. März 2012

Rezension: If on a Winter's Night a Traveler von Italo Calvino

Okay, du brauchst neuen Lesestoff, warst auch schon in der Buchhandlung, hast dir diesen Roman Calvinos gekauft und willst dich nun irgendwo - auf dem durchgesessenen Ohrensessel, im Bett oder auf der Liege im Freien - gemütlich hinpflanzen, damit endlich das Lesevergnügen beginnen kann… doch du ahnst nicht, dass wo ein Anfang ist, nicht zwangsweise auch ein Ende sein muss.
So ähnlich beginnt Calvinos experimenteller Roman If on a Winter’s Night a Traveler. Kapitel, die in der 2. Person Singular den (fiktiven) Leser adressieren alternieren mit diversen Romanauszügen. Das klingt nicht nur verwirrend, ist es spätestens dann auch, wenn der Leser feststellen muss, dass der Roman Calvinos, den er gerade anfing zu lesen, abrupt abbricht und sich im Anschluss nicht einmal als das Buch heraus stellte, das man eigentlich zu lesen gedachte. Also noch mal zurück in die Buchhandlung und das richtige Buch kaufen… aber so einfach macht es Calvino dem (fiktiven und realen) Leser nicht. Dieser begibt sich nämlich auf eine Spurensuche nach dem ursprünglichen Text, die einer Schatzsuche gleicht, bei der man nicht weiß, ob etwas in der Schatztruhe ist und wie wertvoll das sein mag.
Wenn das Wörtchen ‚wenn’ nicht wäre… Dieses Sprichwort trifft auf den Romantitel wie auf das dahinter liegende Konzept vollends zu. Auf der Suche nach dem ursprünglichen Text lernt der Leser nicht nur eine Frau oder das vergessene Land Cimmeria kennen, sondern erfährt auch, was es eigentlich bedeutet zu lesen. Die Aufgabe nicht nur des fiktiven, sondern auch des realen Lesers, sich immer wieder auf neue Romananfänge diverser Genres  einzu-lassen, die dann unvollendet abbrechen, ist manchmal herausfordernd, manchmal frustrierend. Doch die Tortur ist notwendig, um letzten Endes zusammenfassend festhalten zu können: „[R]eading is an operation without object; or that its true object is itself. The book is an accessory aid, or even a pretext.” Calvinos postmoderne Schatzsuche kann dann gesehen werden als Meta-Roman, der gemäß dem Motto ,Der Weg ist das Ziel.’ neue Pfade eröffnet, die der real-existierende Leser auch noch nach dem Lese-Erlebnis erkunden kann. 

      

Freitag, 2. März 2012

Literat des Tages: John Irving

Heute wird John Irving 70 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Gratulieren kann man dem in New Hampshire geborenen Schriftsteller allerdings nicht nur zum Geburtstag - auch seine literarische Karriere ist bemerkenswert. Als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Gegenwarts-literatur hat Irving mehr als ein dutzend Romane veröffentlicht und für sein Schaffen zahlreiche Preise eingeheimst. 1980 erhielt er für Garp und wie er die Welt sah, der ihm den internationalen Durchbruch verschaffte, den National Book Award, zwanzig Jahre später gewann er einen Oscar für das Drehbuch für die Verfilmung seines Romans Gottes Werk und Teufels Beitrag. Obwohl jeder Roman Irvings ein Original ist und für sich selber steht, zieht sich dennoch thematisch und motivisch ein roter Faden durch sein Gesamtwerk. Beispielsweise beschäftigt Irving sich immer wieder mit den verschiedenen Formen der menschlichen Sexualität und hat außerdem eine fast bizarre Vorliebe für Bären. Seine Romane erzählen geschichten, die teilweise so absurd sind, dass sie nur aus dem wahren Leben stammen können. Ob dem so ist, dem geht derzeit in den deutschen Kinos der Dokumentarfilm John Irving und wie er die Welt sieht nach.

"The building of the architecture of a novel - the craft of it - is something I never tire of.
John Irving


Hoffentlich!




Donnerstag, 1. März 2012

Link-Tipp (Erinnerung): Hesse auf Facebook

Schon vor einiger Zeit habe ich euch dieses ambitionierte Projekt des Suhrkamp Verlags vorgestellt, heute ist es nun endlich gestartet.
Auf der Facebook-Seite 'Hermann Hesse antwortet' gibt es nun vier Rubriken, die an eure Beteiligung appellieren. In der ersten Rubrik, "Mein Lieblings...", könnt ihr derzeit über euer liebstes Buch von Hesse abstimmen. Unter "Hesse & Ich" seid ihr dazu aufgerufen, eure persönliche erste Erfahrung mit dem Schriftsteller bzw. seinen Werken niederzuschreiben. Am interessantesten ist jedoch die Rubrik "Hesse antwortet", um die sich das Projekt schließlich dreht. Dort wird jede Woche ein Brief Hesses abgedruckt, zu dem ihr Stellung nehmen könnt/sollt. Zu guter Letzt habt ihr in der Rubrik "Meine Frage" noch die Gelegenheit, euch selbst mit einem Anliegen an den Schriftsteller zu wenden. Was mit diesen Fragen geschieht, weiß ich noch nicht - ich bin aber gespannt! Genauso, wie auf die Reaktionen auf Hesses Briefe - und wer weiß, vielleicht schreibe ich beizeiten ja auch selbst eine... Ich werd es euch hier wissen lassen.

Dienstag, 28. Februar 2012

Rezension: The Life and Opinions of Maf the Dog and of his Friend Marilyn Monroe von Andrew O'Hagan



In diesem Roman werden die letzten beiden Jahre der wahrscheinlich berühmtesten Blondine geschildert - aus der Sicht ihres Hundes! Doch Mafia Honey - kurz: Maf - ist kein gewöhnlicher Schoßhund: „As you know, canines are not so hot with the eyes. Not with colour, anyhow. But our ears and noses make up for it. Unlike humans, we can hear what people are saying to themselves, and we can sniff illusion.” (26) Außerdem ist Maf sehr gebildet und kann alle klassischen Philosophen und Literaten auswendig zitieren. Wie es dazu kam, dass er diese ganz besondere Erziehung genoss, und wie er dann über Frank Sinatra schließlich zu seinem geliebten Frauchen Marilyn kam, wird in den ersten fünf Kapiteln des Buches erzählt. Ungeduldig fiebert der Leser dabei den Auftritt der Monroe entgegen, welche bekannterweise gerne häufiger auf sich warten ließ.
Doch ist sie erst einmal da, so schließt man sie sofort ins Herz. Das Herz der Schauspielerin, so merkt man schnell, ist jedoch sehr zerbrechlich. Wie der Leser durch die Augen und Ohren Mafs erfährt, hat Marilyn besonders nach der Trennung von Arthur Miller und ihren vergeblichen Versuchen, in New York als seriöse Schauspielerin Fuß zu Fassen und das inhaltslose Scheindasein Hollywoods hinter sich zu lassen, immer mehr mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Die genaue Natur dieser bleibt allerdings auch für den schlauen Hund schleierhaft; die Erzählperspektive ist durch diesen speziellen Blickwinkel unweigerlich eingeschränkt: „I can’t pretend that I ever truly understand what ailed my owner; it was the human thing, the burden of self-consciousness that weighs down the day.“ (152) Aus diesem Grund bleibt abschließend festzuhalten, dass die Idee, die Geschichte einer Ikone, die bereits schon aus so vielen Blickwinkeln betrachtet wurde, aus der Hundeperspektive zu erzählen, zwar recht amüsant ist, aber dass O’Hagans Roman letzten Endes auch keine neuen Einsichten in das Leben (und den tragischen Tod) der Marilyn Monroe liefert. 




Eine weitere, besonders kreative Rezension zu O'Hagans Roman findet ihr übrigens hier: 
(englisch, verfasst aus der Sicht von Brian, dem Hund aus Family Guy)

__________________________
Dieses Buch ist mein Februar-Beitrag zur "I'm in: English Challenge... reloaded". Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2010 bei faber and faber erschien.


Montag, 27. Februar 2012

Link-Tipp: And the Oscar goes to.... "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore"

Vergangene Nacht wurden in Los Angeles die Oscars verliehen und in der Kategorie 'Best Short Film, Animated' gewann "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore". Dieser begeistert nicht nur mit einem verträumten Klavier-Soundtrack, sondern hält die Magie der Bücher in einer liebevoll gestalteten Animation fest.

Zu sehen ist der Kurzfilm übrigens auch hier:




Rezension (engl.): Film, Form, and Culture (Fachbuch von Robert Kolker)

Für das Medienportal www.roterdorn.de habe ich Robert Kolkers Film, Form, and Culture rezensiert (in englischer Sprache mit deutscher Zusammenfassung). Lest hier einen Auszug:

"This is a book for everyone with an interest in movies that goes beyond the latest blockbuster: Robert Kolker’s “Film, Form, and Culture” is a comprehensive introduction to film and explains how films work both as pieces of art as well as cultural products. [...]"




Zitat der Woche

Donnerstag, 23. Februar 2012

(Link-)Tipp: John Irving und wie er die Welt sieht (Doku)

Für alle Leser und Fans des amerikanischen Bestsellerautoren John Irving kommt am 1.März, einen Tag vor Irvings 70. Geburtstag, eine Dokumentation in die deutschen Kinos. John Irving und wie er die Welt sieht, so lautet der Titel, der ein Wortspiel ist mit Irvings 1978 erschienenen Roman Garp und wie er die Welt sah, welcher ihm zum internationalen Durchbruch verhalf.
Durch Irvings Romane (sein dreizehnter erscheint noch in diesem Jahr) ziehen sich bekanntlich wiederkehrende Motive und Themen - viele davon sollen ihren Ursprung in Irvings eigener Biografie haben. Auf diese Spur begibt sich die Dokumentation... ich bin gespannt und hoffe, den Film in einem Programmkino in meiner Nähe sehen zu können!

Hier als Vorgeschmack der Trailer (OmU):
 



Mittwoch, 22. Februar 2012

Rezension: Neben dem Verstand, Geschichten vom Fremden in mir

Dem Titel Neben dem Verstand. Geschichten vom Fremden in mir haben sich 22 Autorinnen und Autoren verschrieben, Endprodukt ist diese Anthologie des noch recht jungen Sphera Verlags. Darin tummeln sich Kurzgeschichten, die teilweise historisch, teilweise fantastisch und übernatürlich sind. Der Leser begibt sich auf eine psychologische Erkundungstour, während der er auf böse Dämonen, englische Hauptmänner aus einem längst vergangenen Jahrhundert sowie auf den Typ von Nebenan trifft.
Denn trotz des unendlichen kreativen Freiraums, den dieses Thema gibt, gefallen doch die Geschichten am meisten, die gar nicht so weit weg sind von dem, was wir im Alltag erfahren. So erzählt Nick Scuro mit seinem Beitrag „Die Uhr“ die Geschichte eines älteren Herrn, der seit der Krebsdiagnose seiner Frau von einem ständigen Uhrenticken verfolgt wird. Wie es dem Menschen gelingt (oder eben auch nicht gelingt) mit der Endlichkeit seines irdischen Daseins und dem nahenden Verlust einer geliebten Person umzugehen, wird hier schonungslos ehrlich geschildert. Ob das Ticken dabei so etwas wie eine übersinnliche Bindung zu seiner Frau ist oder rein symbolisch verstanden wird, ändert nichts an der Reichweite des Themas - irgendwann wird sich schließlich jeder mit einer ähnlichen Situation auseinandersetzen müssen.
Außerdem  begeistert Lea Daxelmüllers schaurig-romantischer Beitrag „Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht“. Dieser entführt den Leser ins Wien der 1920er Jahre: An einem Silvesterabend muss der Bestatter Enoch Sarx eine Leiche einäschern, die nicht nur nicht in Frieden ruhen will, sondern auch Enoch keinen Frieden mehr geben wird.
Doch nicht alle Geschichten drehen sich inhaltlich um den Tod; auch außerhalb einer solchen Extremsituation ist das Fremde anzutreffen. Beispielsweise in Linnea Schneiders titelgebender Geschichte „Neben dem Verstand“ wird deutlich, dass das Fremde im eigenen Ich zwar einen Widerspruch darstellt, dass man sich mit ihm aber aussöhnen kann. Schließlich könnte es  überhaupt kein ‚Ich’ ohne Abgrenzung zum ‚Anderen’, dem Fremden, geben und oftmals sind diese beiden im Konflikt stehenden Pole nur zwei Seiten von ein und derselben Medaille. Manchmal stoßen sie sich ab, manchmal ziehen sie sich an - ihre Beziehung aber, komplex wie sie sein mag, ist untrennbar.
Abschließend ist zu sagen, dass diese Anthologie des Sphera Verlags auf keinen 200 Seiten dennoch unheimlich viel Platz für ein abwechslungsreiches Lesevergnügen bietet, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist. Auch wenn ein paar der Geschichten nicht ganz ausgereift scheinen, vermittelt der Großteil der ambitionierten Geschichten eine Lese-Erfahrung, bei der das Fremde zugleich überrascht als auch allzu vertraut daher kommt. 

Vielen Dank an den Sphera Verlag für dieses Rezensionsexemplar!


Mittwoch, 15. Februar 2012

Rezension (engl.): The BetterPhoto Guide to Digital Photography (Fachbuch von Jim Miotke)

Für das Medienportal www.roterdorn.de habe ich Jim Miotkes The BetterPhoto Guide to Digital Photography rezensiert (in englischer Sprache mit deutscher Zusammenfassung). Lest hier einen Auszug:

"With this guide, Jim Miotke, founder of www.BetterPhoto.com, teaches a basic lesson in digital photography. He starts off with some advice about which kind of camera to buy and then works his way through the different aspects to consider when taking photos, such as exposure, light or composition. Each chapter comprises a step-by-step lesson explaining different features involved in photography; (...)"






Mittwoch, 8. Februar 2012

(Link-)Tipp: Verfilmung von Extremely Loud and Incredibly Close

Vor einigen Monaten habe ich Jonathan Safran Foers Bestseller Extremely Loud and Incredibly Close (dt.: Extrem laut und unglaublich nah) rezensiert und am 16. Februar kommt nun die Verfilmung in die deutschen Kinos.


Obwohl starbesetzt mit dem Charakterdarsteller Tom Hanks stimmt der Trailer mich etwas skeptisch, da mich das Gefühl nicht loslässt, dass der Roman, der sich besonders durch seine experimentierfreudigen Erzähltechniken auszeichnet, zu einer schnulzigen Hollywood-Story glatt gebügelt wurde. Aber seht selbst (und geht natürlich trotzdem ins Kino!):

Trailer (englisch): 


Trailer (deutsch): 




Wer noch einmal meine Rezension nachlesen möchte, klickt hier: Rezension von Foers Extremely Loud and Incredibly Close

Dienstag, 7. Februar 2012

Literat des Tages: Charles Dickens

Heute vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Und es ist kein Wunder, dass man seiner Geburt mehr gedenkt als seinem Todestag, denn in vielerlei Hinsicht ist der englische Romancier des Viktorianischen Zeitalters immer noch lebendig. Denn nicht nur seine Romane wie Great Expectations oder A Tale of Two Cities sind immer noch fester Bestandteil des Canons, auch wurden sie unzählige Male in verschiedene Medien übertragen und somit neu interpretiert. Nicht zuletzt durch die populären Verfilmungen seiner Weihnachtsgeschichte kommt zumindest einmal im Jahr niemand um ihn herum. Doch in Dickens Werken steckt mehr als der Kitsch, der einige dieser Filme auszeichnet - Realismus und Sozialkritik gepaart mit Charakteren, wie sie das Leben schreibt, das verleiht seinem Werk auch heute noch Aktualität.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch!

 
Quelle
"Have a heart that never hardens, and a temper that never tires, and a touch that never hurts. "
Charles Dickens






Donnerstag, 2. Februar 2012

Rezension: Alle Rache will Ewigkeit von Val McDermid


Die Kriminalpsychologin Charlie Flint wurde vom Dienst suspendiert, nachdem ein Mann, dessen Unschuld sie beteuerte, auf freien Fuß kam und anschließend vier Frauen tötete. Dann erreicht sie ein Päckchen ohne Absender, in dem sich Zeitungsartikel zu einem anderen Mordfall, in dessen Prozess bald eine Verurteilung erwartet wird, befinden. Ein Bräutigam wurde während seiner Hochzeitsfeier angeblich von seinen zwei Geschäftspartnern ermordet, weil  diese befürchteten wegen schmutziger Geschäfte verpfiffen zu werden. Doch wer hat diese Artikel geschickt? Und warum? Soll Charlie etwa eine falsche Verurteilung verhindern und sich so rehabilitieren? Oder sollte sie besser die Finger davon lassen? Während Charlies Lebensgefährtin Maria sich zunächst eher rational und unbeeindruckt gibt, macht Lisa, Charlies heimlicher Flirt, ihr Mut. Und so begibt sich Charlie auf eine Spurensuche, die sie auch zurück in ihre eigene Vergangenheit, ans College in Oxford, führt… Die Mutter der jungen Witwe ist nämlich eine ehemalige Dozentin von Charlie und die Frau namens Jay, mit der die Witwe Magda sich scheinbar über den Tod ihres Mannes hinwegtröstet, hielt sich bereits zu Studienzeiten im Umfeld eines ziemlich ähnlichen tödlichen Unfalls auf. Oder war das alles gar kein Unfall? Charlies Gespür und ihre Menschenkenntnis scheinen ihr den richtigen Weg zu Weisen, die Beweisführung aber gestaltet sich problematisch. Oder gibt es vielleicht gar keine Beweise und gar keine falsche Verdächtigung? Ist Charlies Intuition vielleicht verwirrt, genauso wie ihre Gefühle für Lisa sie verwirren? Denn diese gefährdet nicht nur Charlies Beziehung zu Maria, sondern auch ihr Leben.
McDermids Krimi wirft leider nicht so viele Fragen auf, wie es hier zunächst den Anschein erwecken mag. Von Anfang an weiß der Leser, dass die eigentlichen Verdächtigen unschuldig sind und Jay Dreck am Stecken hat. Lediglich für die Auflösung der Einzelheiten muss man sich gut 500 Seiten lang gedulden. Die große Kehrtwende bleibt aus, denn man muss kein Krimi-Fan sein um zu ahnen, dass die Figur der Lisa eine weitere Funktion haben muss außer die der Außenstehenden, die Charlies Liebe zu Maria auf die Probe stellt. Obwohl der Roman in einem lesbischen Milieu angesiedelt ist, sind die darin geschilderten Beziehungen und ihre Probleme konventionell. Dies soll vielleicht zeigen, dass homosexuelle Beziehungen nicht anders sind als heterosexuelle, aber es bereichert weder die Handlung noch die Charakterkonstellationen. Haben die Figuren mit Vorurteilen zu kämpfen, so sind die Darstellungen davon mindestens so abgedroschen wie die Vorurteile an sich. Was dieser Roman allerdings zeigt, ist, dass Gesetzesverfechter sowie Gesetzesverletzer auch nur Menschen sind.
Kann dieser Kriminalroman mich inhaltlich nicht überzeugen, so punktet auch das Äußere nicht: Verzweifelt habe ich versucht, den Titel und das auf dem Cover abgebildete brennende Streichholz in eine stimmige Verbindung zu bringen und bin letzten Endes doch kläglich gescheitert. Als ich jedoch einen Blick auf den englischen Originaltitel warf, wurde mir vieles klar: Trick of the Dark, so lautet der nämlich.



Vielen Dank an lovelybooks und Knaur für das Rezensionsexemplar!

Freitag, 27. Januar 2012

Link-Tipp: Welttag des Buches - Werdet Buchfreund!

Am 23. April 2012 ist Welttag des Buches! Dazu gibt es eine Aktion, wobei ihr die Gelegenheit habt, unter dem Motto "Lesefreunde schenken Lesefreude" Buchpakete zu erhalten und diese an Freunde, Familie, Bekannte oder an alle diejenigen, die eurer Meinung nach mal wieder ein gutes Buch lesen sollten, zu verteilen. Alles, was ihr dafür tun müsst, ist Folgendes: Registriert euch als einer der ersten 33.333 Registrierten auf 

und entscheidet euch für ein Buch aus der Liste. Anfang/Mitte März holt ihr euer Buchpaket zum Weiterverschenken dann in einer Buchhandlung doer Bibliothek in eurer Nähe ab.

In diesem Video erklärt Jörg Pfuhl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen, die Initiative "Lesefreunde" ausführlich.



Ich mach auch mit! :)

Sonntag, 22. Januar 2012

Rezension: The Sense of an Ending von Julian Barnes

In Tonys Clique war Adrian immer der Exot. Der Neue. Der Ernste. Der, um dessen Gunst jeder buhlte. Doch nach dem Schulabschluss gehen die vier Jungs getrennte Wege. Tony geht dann eine Weile mit Veronica aus, aber irgendwann verläuft auch das im Sande. Bis Tony einen Brief von Adrian erhält mir der Bitte, mit Veronica ausgehen zu dürfen. Das setzt dann der Freundschaft zwischen den beiden ein endgültiges Ende. Etwa ein halbes Jahr später begeht Adrian Suizid - und keiner seiner Freunde kann nachvollziehen, warum.
   An all das erinnert sich Tony nun, knapp ein halbes Jahrhundert später, nachdem er einen rätselhaften Brief erhalten hat: Der Nachlassverwalter von Veronicas Mutter informiert ihn darüber, dass Tony aus ihrem Nachlass das Tagebuch von Adrian erhalten soll. Wieso ist ausgerechnet Veronicas Mutter im Besitz dieses Buches? Und warum vermacht sie es Tony und nicht ihrer Tochter? Ist das Tagebuch der Schlüssel zu Adrians Selbstmord? All das beschäftigt Tony, aber Veronica enthält ihm das Tagebuch vor. Deswegen kommt es nach so langer Zeit wieder zu Treffen zwischen dem ehemaligen Liebespaar. Wer nun Romantik erwartet, ist auf der falschen Fährte, denn die Treffen mit Veronica lassen Vieles nur noch rätselhafter erscheinen. Und selbst als Tony sich alle Fakten erschließen kann, so kann er die Bedeutung dieser letzten Endes nur erahnen.
Julian Barnes’ The Sense of an Ending, das vergangenes Jahr den Booker Prize gewann und kürzlich in Deutsch mit dem Tital Vom Ende einer Geschichte erschien, ist ein Roman über die Macht und Ohnmacht der Erinnerung. Er erkundet die Grenzen der Subjektivität sowie den Grad an Realität oder Fiktion der eigenen Lebensgeschichte. Ganz versteckt findet man in ihm vielleicht auch die Mahnung oder den Appell, nicht erst so spät wie Tony über solche Grundzüge des menschlichen Bewusstseins zu reflektieren. Denn, das musste Tony schmerzlich feststellen, ändern kann man die Dinge im Nachhinein nicht mehr, sondern nur die Erinnerung an sie.





____________________

Dieses Buch ist mein Januar-Beitrag zur "I'm in... English Challenge... reloaded".



Montag, 16. Januar 2012

Rezension: Vollkommen leblos, bestenfalls tot von Antonia Baum

Die junge Ich-Erzählerin will aus dem kleinbürgerlichen Idyll, welches überschattet wird von der Scheidung ihrer Eltern, ausbrechen und zieht ohne Plan, aber mit vielen Plänen nach dem Abitur in die große Stadt. „Man kann alles machen. Ich will was werden. Ich weiß noch nicht genau, was, aber ich will. Ich schaue in den Himmel, ich habe ein eigenes Glück, denke ich, worauf ich aufpassen werde, und ich wünsche, bitte, bitte, bitte, dass es gut wird.“ (16) Doch anscheinend passt sie nicht gut genug darauf auf, denn anstatt ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen und sich Stück für Stück ein bisschen Eigenständigkeit aufzubauen, geht die junge Frau eine Beziehung ein, zu Patrick, der sie, wie sie selbst so schön sagt, als „Besitztum“ (30) behandelt. Lief die Erzählerin vorher vor ihren sich immer wieder streitenden (Stief-)Eltern weg, ist sie nun ständig auf der Flucht vor Patrick. Dieser findet sie jedoch jedes Mal, oder lässt sie sich, ohne das zugeben zu können, gar finden? Gegen wen sollte die Erzählerin sonst ihre unglaubliche Wut und Abscheu, die sie immer wieder in lange, detaillierte Mordgedanken fasst, wenden? Gegen sich selber etwa? Schließlich muss die Antiheldin in Baums Roman sich selber eingestehen: „Du, denke ich, hast anderen immer ihr Ferngesteuertsein vorgeworfen, […] und nun, denke ich, bist du selber zu der ferngesteuertsten aller Ameisen unter der Sonne avanciert“ (109). Letzten Endes kann sie Patrick entkommen, oder vergrault ihn, das kann man nicht so genau sagen, aber anstatt aus ihren Fehlern zu lernen begibt sie sich in die nächste ungesunde Beziehung, zu Jo, einen mittelalten und mittelmäßigem Theaterschauspieler. In diesen ist die ach-so-erwachsene Erzählerin verknallt wie eine 13-jährige Pubertierende. Nun ist sie diejenige, die dem Partner hinterher rennt und die Luft zum Atmen nimmt. Natürlich kann auch das nicht gut gehen. Und wieder gibt es seitenlange Folter- und Mordgelüste.
Antonia Baums Debütroman soll als Charakterstudie der heutigen Generation von jungen Menschen Anfang zwanzig funktionieren. Die namenlose Erzählerin, mit der sich jeder identifizieren können soll, soll für die jungen Menschen stehen, die nichts mehr zu befürchten haben außer sich selbst. Und den Druck, sich selbst zu verwirklichen. Frauen kommen dabei irgendwie schlechter weg als die Männer, die als dominante Alphamännchen dargestellt werden. Die seitenlangen Gedankengänge spiegeln einen Menschen wieder, der auch im übertragenen Sinne nichts mit einem Punkt abschließen kann. Leider gibt sich die Erzählerin vorrangig als aggressiver Naseweis, der am Ende glücklicherweise doch ein bisschen was versteht und endlich einmal innehalten kann. Baums Roman passt auf die Aussage des betrunkenen und gescheiterten Schriftstellers, die sie in einer Art Prolog der Geschichte der Erzählerin voranstellt: „Keine Geschichten, nichts Ganzes, nur Bedeutungsloses. Aber ich kann nichts dafür. Wäre ich arm, wäre ich ein Ali, würde irgendjemand eine Bombe auf mich werfen, mich wenigstens diskriminieren oder meine Menschenrechte verletzten, glaub mir, es wäre ganz anders.“ (5) Ist es aber nicht.


                                                 

____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Erstausgabe, die 2011 bei Hoffmann und Campe erschien.

Zitat der Woche

Mittwoch, 11. Januar 2012

Link-Tipp: Buchcasino

Die Verlagsgruppe Droemer Knaur hat vor kurzen auf Facebook ein Buchcasino eröffnet! 
Unter www.facebook.com/Buchcasino könnt ihr an einem 'Buchbanditen' spielen und so die Chance bekommen, ein Lieblingsbuch des Monats zu gewinnen. Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst ihr einfach mit 6 Versuchen mehr als 1000 Punkte erspielen oder den Jackpot knacken und einen Sofortgewinn einheimsen. Ihr habt so viele Versuche, wie ihr Gedult aufbringen könnt. 
Diesen Monat gibt es den Kriminalroman Alle Rache will Ewigkeit von Val McDermid zu gewinnen. Außerdem gibt es nach jeder Spielrunde Buchtipps; die Genres der Bücher sind dabei jeweils angepasst an die verschiedenen Symbole des Buchbanditen!

Viel Glück!


Dienstag, 10. Januar 2012

Rezension: The Fortress of Solitude von Jonathan Lethem

Dylan ist ein weißer Junge unter vielen schwarzen Kindern im Brooklyn der 70er Jahre. Von den meisten anderen Nachbarskindern ausgegrenzt, freundet er sich ausgerechnet mit dem berühmt-berüchtigten Mingus an, Sohn des noch berühmteren und berüchtigteren Barrett Rude Jr., einer Funk und Rap Legende. Wie Dylan, dessen Vater Maler ist und experimentelle Filmaufnahmen macht, kommt auch Mingus aus einem eher ungeregelten Haushalt. Außerdem sind die Mütter beider Jungen abwesend. Obwohl diese Abwesenheit allgegenwärtig ist, wird sie jedoch nie explizit thematisiert. Vielmehr flüchten die beiden sich in die Musik, die Kunst des Graffitis, in den Drogenrausch und in die Welt ihrer Comic-Superhelden. Ein Ring, den Dylan von einem sterbenden Obdachlosen geschenkt bekommt, verleiht den Jungs magische Kräfte; so können die beiden, denen bereits in jungen Jahren so viel Schlechtes widerfuhr, zumindest versuchen, mit der gemeinsamen Kreation des Helden ‚Aeroman’ etwas Gutes zu tun.
Doch als die beiden aus dem Kinderalter herauswachsen, trennen sich ihre Wege nach einem tragischen Vorfall, der Mingus ins Gefägnis bringt und über den sein bester Freund sein Leben lang Stillschweigen bewahren wird. Dylan, der zuvor oftmals schon hin und her gerissen war zwischen der Funk- und Rapmusik seiner schwarzen Nachbarskinder und dem Punk und Rock seiner weißen Mitschüler, hat auch auf dem College Anpassungsprobleme. War Dylan in Brooklyn nicht schwarz genug, ist er in Camden nicht weiß genug. Und obwohl es ihm gelingt nach einem weiteren Ortswechsel ein Studium abzuschließen, kann er seine Vergangenheit nicht vergangen sein lassen. Um endlich Frieden mit sich selbst zu schließen, zieht es nach zwanzig Jahren nicht nur Dylan, sondern auch ‚Aeroman’, nach Brooklyn, in die ‚Fortress of Solitude’, zurück…
Jonathan Lethems ,coming-of-age novel’ versieht den Realismus des Ghettos mit ein bisschen Magie, ohne dabei an Authentizität einzubüßen. Außerdem ist die Perspektive eines weißen Jungen als Außenseiter inmitten des afro-amerikanisch geprägten Brooklyns sehr interessant. Dabei ist die Art und Weise, wie (pop-)kulturelle Güter wie Musik und Graffiti Identitäten produzieren, allgemeingültig und macht so diese einzigartige Geschichte universell.


Mittwoch, 4. Januar 2012

Rezension: Schoßgebete von Charlotte Roche

Wessen Erstlingswerk sich über 1,3 Millionen Mal verkauft, dessen zweiter Roman muss sich unweigerlich mit dem Debüt messen. Das weiß auch Charlotte Roche und entgegnet den Spekulationen darum, ob ihr neuer Roman Schoßgebete noch tabuloser mit dem Thema Sexualität umgeht, indem sie ihn mit einer seitenlangen und peinlichst detaillierten „Blase-Szene“ eröffnet. Schoßgebete ist jedoch nicht nur in dieser Hinsicht noch radikaler als sein Vorgänger: Im Gegensatz zu Feuchtgebiete geht es in diesem Roman nicht um eine Teenagerin, die gegen die Hygiene- und Rollenvorstellungen ihrer Mutter rebelliert, nachdem jene sich hat scheiden lassen und versuchte, sich und ihren Sohn umzubringen. In Roches zweitem Werk haben wir es mit Elizabeth Kiel zu tun, einer erwachsenen Frau mit Mann und Kind. Und während Elizabeth selbst aus einer Familie stammt, die sich eigentlich gar nicht mehr als solche bezeichnen kann, mit den geschiedenen Eltern und den ständig wechselnden Lebensgefährten der dominanten Mutter, versucht Elizabeth verzweifelt, ihren Familienalltag so normal wie möglich zu gestalten. Doch was bedeutet Normalität im Leben einer Frau, die mit dem tragischen Unfalltod von drei Geschwistern, die ausgerechnet auf dem Weg zu ihrer Hochzeit starben, umgehen muss?
Diesen Kampf um ein geregeltes Leben, der sich gleichwohl als Überlebenskampf bezeichnen lässt, schildert Roche gewohnt offen und neurotisch detailbesessen. Der Roman umfasst insgesamt einen Zeitraum von drei Tagen, die scheinbar willkürlich aus dem Leben der Elizabeth Kiel gegriffen sind. Doch Elizabeths tägliche Routine schließt eben auch das Extreme mit ein: Zum einen wären da die Therapiestunden, die ihr helfen sollen, die Allgegenwärtigkeit des Todes zu akzeptieren, damit Roche die Rolle der Überlebenden ablegen und wieder zur Lebenden werden kann. Und zum anderen wäre da der Sex, der, immer dann wenn ihre Tochter gerade nicht ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge in Anspruch nimmt, ihre ganze Energie beansprucht. Sich ihrem Mann zu widmen und sich völlig hinzugeben bedeutet für Elizabeth jedoch viel mehr als bloße Lust. Denn nur dann kann sie, die quasi aus nichts mehr besteht als aus dem Trauma ihrer Vergangenheit, diese und somit sich selber vergessen. Anders als in Feuchtgebiete ist Sex hier nicht nur Rebellion, sondern auch Selbstaufgabe. Und anders als in Feuchtgebiete kann die Protagonistin ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen und neu anfangen. Denn in Schoßgebete ist das Happy End nicht nur schwach, sondern gänzlich Tarnung. Elizabeth kriegt zwar, was sie will, aber dennoch nicht, was sie eigentlich bräuchte.
So hinterlässt der Roman den Leser innerlich genauso zerrissen wie seine Hauptfigur - unerschrocken, da man sich bereits zum zweiten Mal den Neurosen von Roches Charakteren gestellt hat, und verunsichert, was das halboffene Ende des Romans betrifft. Außerdem sind Parallelen zu Roches eigener Biografie (man bedenke, dass ihr Zweitname Elizabeth ist) nicht von der Hand zu weisen, was teilweise die Lese-Erfahrung stark beeinflusst. Beispielsweise traut man sich nicht wirklich, bei den aufgebauschten Hasstiraden gegen die „Druck-Zeitung“ mit den Augen zu rollen, wenn man immerzu denken muss ‚Nach so einem Schicksalsschlag hätte ich nicht die Kraft, das ganze auch noch in einem Roman zu verarbeiten und öffentlich mein Innerstes nach Außen zu kehren!’. Wenn man trotzdem diese Extremsituation einmal ausblenden kann, ist Schoßgebete auch ein Beziehungsroman, in dem sich jeder irgendwo wieder finden kann. Wieder einmal schreibt Roche das nieder, was viele nicht aussprechen können. Und während man sich nach der Lektüre von Feuchtgebiete fragte, wie Roche diesen Erfolg an Offenheit und Radikalität übertrumpfen will, fragt man sich nach dem Lesen von Schoßgebete erst recht, was als Nächstes kommen wird - jetzt, wo sie ihr letztes großes Tabuthema, den Tod ihrer Brüder, auch überwunden hat.


Link-Tipp: Hesse auf Facebook

Der Suhrkamp Verlag startet im März 2012 eine Aktion mit dem Titel "Hermann Hesse antwortet... auf Facebook". Wie auf der Verlagshomepage beschrieben, werden auf  www.facebook.com/hesse.antwortet dann Briefe von Hesse veröffentlicht, die er ursprünglich als Antwort auf Leserzuschriften verfasst hat. Die Facebook-Benutzer werden dazu aufgerufen, auf diese Antworten zu reagieren, sei es in Form eines Kommentars oder per Like-Button. Dieses Projekt ist mit einer Dauer von 30 Tagen angesetzt; danach sollen die Briefe mitsamt der Reaktionen  - dann doch ganz 'altmodisch' - in Buchform veröffentlicht werden. 
Ich bin auf jeden Fall gespannt, was dabei zu Stande kommt!