Mittwoch, 4. Januar 2012

Rezension: Schoßgebete von Charlotte Roche

Wessen Erstlingswerk sich über 1,3 Millionen Mal verkauft, dessen zweiter Roman muss sich unweigerlich mit dem Debüt messen. Das weiß auch Charlotte Roche und entgegnet den Spekulationen darum, ob ihr neuer Roman Schoßgebete noch tabuloser mit dem Thema Sexualität umgeht, indem sie ihn mit einer seitenlangen und peinlichst detaillierten „Blase-Szene“ eröffnet. Schoßgebete ist jedoch nicht nur in dieser Hinsicht noch radikaler als sein Vorgänger: Im Gegensatz zu Feuchtgebiete geht es in diesem Roman nicht um eine Teenagerin, die gegen die Hygiene- und Rollenvorstellungen ihrer Mutter rebelliert, nachdem jene sich hat scheiden lassen und versuchte, sich und ihren Sohn umzubringen. In Roches zweitem Werk haben wir es mit Elizabeth Kiel zu tun, einer erwachsenen Frau mit Mann und Kind. Und während Elizabeth selbst aus einer Familie stammt, die sich eigentlich gar nicht mehr als solche bezeichnen kann, mit den geschiedenen Eltern und den ständig wechselnden Lebensgefährten der dominanten Mutter, versucht Elizabeth verzweifelt, ihren Familienalltag so normal wie möglich zu gestalten. Doch was bedeutet Normalität im Leben einer Frau, die mit dem tragischen Unfalltod von drei Geschwistern, die ausgerechnet auf dem Weg zu ihrer Hochzeit starben, umgehen muss?
Diesen Kampf um ein geregeltes Leben, der sich gleichwohl als Überlebenskampf bezeichnen lässt, schildert Roche gewohnt offen und neurotisch detailbesessen. Der Roman umfasst insgesamt einen Zeitraum von drei Tagen, die scheinbar willkürlich aus dem Leben der Elizabeth Kiel gegriffen sind. Doch Elizabeths tägliche Routine schließt eben auch das Extreme mit ein: Zum einen wären da die Therapiestunden, die ihr helfen sollen, die Allgegenwärtigkeit des Todes zu akzeptieren, damit Roche die Rolle der Überlebenden ablegen und wieder zur Lebenden werden kann. Und zum anderen wäre da der Sex, der, immer dann wenn ihre Tochter gerade nicht ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge in Anspruch nimmt, ihre ganze Energie beansprucht. Sich ihrem Mann zu widmen und sich völlig hinzugeben bedeutet für Elizabeth jedoch viel mehr als bloße Lust. Denn nur dann kann sie, die quasi aus nichts mehr besteht als aus dem Trauma ihrer Vergangenheit, diese und somit sich selber vergessen. Anders als in Feuchtgebiete ist Sex hier nicht nur Rebellion, sondern auch Selbstaufgabe. Und anders als in Feuchtgebiete kann die Protagonistin ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen und neu anfangen. Denn in Schoßgebete ist das Happy End nicht nur schwach, sondern gänzlich Tarnung. Elizabeth kriegt zwar, was sie will, aber dennoch nicht, was sie eigentlich bräuchte.
So hinterlässt der Roman den Leser innerlich genauso zerrissen wie seine Hauptfigur - unerschrocken, da man sich bereits zum zweiten Mal den Neurosen von Roches Charakteren gestellt hat, und verunsichert, was das halboffene Ende des Romans betrifft. Außerdem sind Parallelen zu Roches eigener Biografie (man bedenke, dass ihr Zweitname Elizabeth ist) nicht von der Hand zu weisen, was teilweise die Lese-Erfahrung stark beeinflusst. Beispielsweise traut man sich nicht wirklich, bei den aufgebauschten Hasstiraden gegen die „Druck-Zeitung“ mit den Augen zu rollen, wenn man immerzu denken muss ‚Nach so einem Schicksalsschlag hätte ich nicht die Kraft, das ganze auch noch in einem Roman zu verarbeiten und öffentlich mein Innerstes nach Außen zu kehren!’. Wenn man trotzdem diese Extremsituation einmal ausblenden kann, ist Schoßgebete auch ein Beziehungsroman, in dem sich jeder irgendwo wieder finden kann. Wieder einmal schreibt Roche das nieder, was viele nicht aussprechen können. Und während man sich nach der Lektüre von Feuchtgebiete fragte, wie Roche diesen Erfolg an Offenheit und Radikalität übertrumpfen will, fragt man sich nach dem Lesen von Schoßgebete erst recht, was als Nächstes kommen wird - jetzt, wo sie ihr letztes großes Tabuthema, den Tod ihrer Brüder, auch überwunden hat.


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