Mittwoch, 22. Februar 2012

Rezension: Neben dem Verstand, Geschichten vom Fremden in mir

Dem Titel Neben dem Verstand. Geschichten vom Fremden in mir haben sich 22 Autorinnen und Autoren verschrieben, Endprodukt ist diese Anthologie des noch recht jungen Sphera Verlags. Darin tummeln sich Kurzgeschichten, die teilweise historisch, teilweise fantastisch und übernatürlich sind. Der Leser begibt sich auf eine psychologische Erkundungstour, während der er auf böse Dämonen, englische Hauptmänner aus einem längst vergangenen Jahrhundert sowie auf den Typ von Nebenan trifft.
Denn trotz des unendlichen kreativen Freiraums, den dieses Thema gibt, gefallen doch die Geschichten am meisten, die gar nicht so weit weg sind von dem, was wir im Alltag erfahren. So erzählt Nick Scuro mit seinem Beitrag „Die Uhr“ die Geschichte eines älteren Herrn, der seit der Krebsdiagnose seiner Frau von einem ständigen Uhrenticken verfolgt wird. Wie es dem Menschen gelingt (oder eben auch nicht gelingt) mit der Endlichkeit seines irdischen Daseins und dem nahenden Verlust einer geliebten Person umzugehen, wird hier schonungslos ehrlich geschildert. Ob das Ticken dabei so etwas wie eine übersinnliche Bindung zu seiner Frau ist oder rein symbolisch verstanden wird, ändert nichts an der Reichweite des Themas - irgendwann wird sich schließlich jeder mit einer ähnlichen Situation auseinandersetzen müssen.
Außerdem  begeistert Lea Daxelmüllers schaurig-romantischer Beitrag „Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht“. Dieser entführt den Leser ins Wien der 1920er Jahre: An einem Silvesterabend muss der Bestatter Enoch Sarx eine Leiche einäschern, die nicht nur nicht in Frieden ruhen will, sondern auch Enoch keinen Frieden mehr geben wird.
Doch nicht alle Geschichten drehen sich inhaltlich um den Tod; auch außerhalb einer solchen Extremsituation ist das Fremde anzutreffen. Beispielsweise in Linnea Schneiders titelgebender Geschichte „Neben dem Verstand“ wird deutlich, dass das Fremde im eigenen Ich zwar einen Widerspruch darstellt, dass man sich mit ihm aber aussöhnen kann. Schließlich könnte es  überhaupt kein ‚Ich’ ohne Abgrenzung zum ‚Anderen’, dem Fremden, geben und oftmals sind diese beiden im Konflikt stehenden Pole nur zwei Seiten von ein und derselben Medaille. Manchmal stoßen sie sich ab, manchmal ziehen sie sich an - ihre Beziehung aber, komplex wie sie sein mag, ist untrennbar.
Abschließend ist zu sagen, dass diese Anthologie des Sphera Verlags auf keinen 200 Seiten dennoch unheimlich viel Platz für ein abwechslungsreiches Lesevergnügen bietet, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist. Auch wenn ein paar der Geschichten nicht ganz ausgereift scheinen, vermittelt der Großteil der ambitionierten Geschichten eine Lese-Erfahrung, bei der das Fremde zugleich überrascht als auch allzu vertraut daher kommt. 

Vielen Dank an den Sphera Verlag für dieses Rezensionsexemplar!


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