Mittwoch, 21. März 2012

Rezension: If on a Winter's Night a Traveler von Italo Calvino

Okay, du brauchst neuen Lesestoff, warst auch schon in der Buchhandlung, hast dir diesen Roman Calvinos gekauft und willst dich nun irgendwo - auf dem durchgesessenen Ohrensessel, im Bett oder auf der Liege im Freien - gemütlich hinpflanzen, damit endlich das Lesevergnügen beginnen kann… doch du ahnst nicht, dass wo ein Anfang ist, nicht zwangsweise auch ein Ende sein muss.
So ähnlich beginnt Calvinos experimenteller Roman If on a Winter’s Night a Traveler. Kapitel, die in der 2. Person Singular den (fiktiven) Leser adressieren alternieren mit diversen Romanauszügen. Das klingt nicht nur verwirrend, ist es spätestens dann auch, wenn der Leser feststellen muss, dass der Roman Calvinos, den er gerade anfing zu lesen, abrupt abbricht und sich im Anschluss nicht einmal als das Buch heraus stellte, das man eigentlich zu lesen gedachte. Also noch mal zurück in die Buchhandlung und das richtige Buch kaufen… aber so einfach macht es Calvino dem (fiktiven und realen) Leser nicht. Dieser begibt sich nämlich auf eine Spurensuche nach dem ursprünglichen Text, die einer Schatzsuche gleicht, bei der man nicht weiß, ob etwas in der Schatztruhe ist und wie wertvoll das sein mag.
Wenn das Wörtchen ‚wenn’ nicht wäre… Dieses Sprichwort trifft auf den Romantitel wie auf das dahinter liegende Konzept vollends zu. Auf der Suche nach dem ursprünglichen Text lernt der Leser nicht nur eine Frau oder das vergessene Land Cimmeria kennen, sondern erfährt auch, was es eigentlich bedeutet zu lesen. Die Aufgabe nicht nur des fiktiven, sondern auch des realen Lesers, sich immer wieder auf neue Romananfänge diverser Genres  einzu-lassen, die dann unvollendet abbrechen, ist manchmal herausfordernd, manchmal frustrierend. Doch die Tortur ist notwendig, um letzten Endes zusammenfassend festhalten zu können: „[R]eading is an operation without object; or that its true object is itself. The book is an accessory aid, or even a pretext.” Calvinos postmoderne Schatzsuche kann dann gesehen werden als Meta-Roman, der gemäß dem Motto ,Der Weg ist das Ziel.’ neue Pfade eröffnet, die der real-existierende Leser auch noch nach dem Lese-Erlebnis erkunden kann. 

      

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