Donnerstag, 22. März 2012

Rezension: Karte und Gebiet von Michel Houellebecq

Jed Martin ist Künstler. Seinen Durchbruch hatte er, der ursprünglich mit akribischer Genauigkeit Schrauben ablichtete, mit fotografischen Arbeiten, die sich mit Straßenkarten auseinandersetzen. Dieser Geniestreich geht auf einen Zufall zurück:

„Auf die Bitte seines Vaters hin […] kaufte Jed eine Straßenkarte von Creuse und Haute-Vienne aus der Reihe >>Departemental-karten<< von Michelin. Und als er dort, ein paar Schritte von den in Zellophan gehüllten Sandwiches entfernt, seine Karte auseinanderfaltete, wurde ihm seine zweite große ästhetische Offenbarung zuteil. […] Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. […] in jedem Örtchen, jedem Dorf, das seiner Größe entsprechend dargestellt war, spürte man das Herzklopfen, den Ruf Dutzender Menschenleben, Dutzender, Hunderter Seelen […].“ (50)

Jed wird geliebt vom Michelin-Konzert, von den Kritikern und von der Russin Olga. Ob diese in seinen Arbeiten dasselbe sehen wie er? Doch Liebe ist sowieso vergänglich… Als Jed sich von seiner Kunst entfremdet, orientiert er sich um. Fortan steckt er all seine Energie in Portraitmalerei, genauer gesagt in Berufsportraits. Je mehr die Romanhandlung sich vertieft, desto deutlicher kommt der doppelte Boden des Romans hervor: Denn Houellebecq höchstpersönlich, der bereits zu Beginn des Romans am Rande der Handlung auftauchte, entwickelt sich nun zu einer Art Gegenstück, fast sogar zu einer Art Spiegel für Jed. Während letzterer an seinem Meisterwerk „Houellebecq, Schriftsteller“ arbeitet, soll der Schriftsteller eine Einleitung zu Jeds Werk schreiben. So bekommt Jed ungeahnte Einblicke in das eher traurige und einsame Leben des Schriftstellers. Doch dann geschieht ein brutaler Mord und der Roman verfällt über lange Strecken fast in einen Krimi-Modus. Nach der Klärung des Mordfalls steht Jed allerdings wieder im Fokus. Erneut muss dieser, der sowohl einen Freund als auch seinen Vater verloren hat, sein Leben und Schaffen überdenken. Und er zieht drastische Schlüsse. Doch anstatt alles dafür zu tun, um nicht so isoliert zu sterben wie der Schriftsteller und sein Vater, den er bis zu seinem Tod nicht wirklich zu kennen schien, sucht Jed gezielt die Konfrontation mit der Einsamkeit.
Houellebecqs Roman ist nicht nur im Künstlermilieu angesiedelt, er kommentiert den gesellschaftlichen Status von Kunst auf indirekte Art und Weise. Der Titel gepaart mit Jeds Haltung und Ausstellungstitel >>DIE KARTE IST INTERESSANTER ALS DAS GEBIET<< (78) bieten da einen interessanten Interpretationsansatz. Denn wenn dem so ist, dass die Karte, das menschlich geschaffene Konstrukt, tatsächlich interessanter ist als das Gebiet, welches für das reale Leben stünde, dann besagt das viel über den Stellenwert von Kunst. Hochpreisung und Kritik, Ruhm und Misserfolg, Leben und Tod - Houellebecq beleuchtet in seinem Roman stets beide Seiten der Medaille. Der Mordfall, der nahezu künstlerisch inszeniert wurde, deutet allerdings ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Karte und Gebiet in der heutigen Zeit an. Jeds Reaktion darauf, der sinnbildliche Rückzug aus dem Gebiet und das Verlorengehen mit der Karte, ist sicherlich nur eine Möglichkeit, mit dieser Entwicklung umzugehen. Doch muss es wirklich zu solch radikalen Maßnahmen kommen? Mit dieser Frage entlässt Houellebecq den Leser. Darin zeigt sich, dass Karte und Gebiet eben nicht nur ein Künster-, sondern auch ein Gesellschaftsroman von gegenwärtiger Brisanz ist.
 


___________________________

Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe, die 2011 bei Dumont erschien.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen