Donnerstag, 5. April 2012

Rezension: Agnes von Peter Stamm



„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ (9) Mit diesen Worten beginnt Stamms Debütroman. Das schürt natürlich die Neugierde der Leser. Und in der Tat erwartet uns in dem nur knapp 150 Seiten dünnen Roman ein bewegendes Portrait einer Beziehung, die zum scheitern Verurteilt ist. Dass der Leser dies von Anfang an weiß, nimmt dabei nichts von der Spannung, denn zu sehr wird man einfach in den Bann gezogen, den dieses Spiel des Pärchens entwickelt.
Erzählt wird die Liebesgeschichte aus seiner Sicht. Der namenlose Schweizer Sachbuchautor und gescheiterter Literat lernt während eines Rechercheaufenthalts in Chicago die jüngere Physikstudentin Agnes kennen. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick. Und tatsächlich kommen die beiden sich bald näher. Trotz dieser Distanz, diesem Fremden, das ihn Agnes einfach nicht richtig einschätzen lässt. Als Agnes von seinen literarischen Gehversuchen erfährt, bittet sie ihn, ein Portrait von ihr zu schreiben. Dieses dehnt sich aus zu einer Geschichte, die die gesamte Beziehung der beiden resümiert. Schließlich kommt der Autor in der Gegenwart an. Nun widmet er sich in seinem Geschriebenen der Zukunft des Paares, entwirft fast wie ein Drehbuchautor Szenen des Beisammenseins, welche die beiden dann nachstellen. Doch irgendwann wird das dem Pärchen zu langweilig: „,Es muß etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird’, sagte ich endlich zu Agnes. ,Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?’ ,Doch’, sagte ich, ,aber Glück macht keine guten Geschichten. Glück läßt sich nicht beschreiben. Es ist wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig. Hast du jemals einen Maler gesehen, der Rauch malen konnte?’“ (68) Wie soll es aber mit den beiden weitergehen, wenn die Geschichte ein Ende gefunden hat? Und wie soll sie überhaupt enden? Es beginnt allmählich, in der Beziehung zu krieseln. Was die beiden einst zusammenschweißte, entfremdet sie nun voneinander. Und als dann etwas passiert, das so nicht in der Geschichte vorgesehen war, eskaliert die Situation…
Stamms Roman schafft es, auf wenig Raum viel Platz für die Entwicklung seiner beiden Charaktere zu schaffen. Für eine Liebesgeschichte ist der Roman nicht kitschig genug, für einen Psychothriller schlägt er dennoch eher zu kleine Wellen. Und doch ist er genau richtig. Außerdem versteckt sich hinter der Handlung nicht nur eine Studie über zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch über die Schärfe der geschriebenen Worte und wie Fiktionen unser Bild vom Sein beeinflussen. Letztendlich kreiert doch jeder Mensch in seinem Kopf dutzende Geschichten, Lebensentwürfe, nimmt Ereignisse vorweg und spielt Situationen im Voraus durch. Dabei weiß doch jeder, dass es am Ende doch ganz anders kommt. Mit seiner Fiktion über die  Macht der Fiktion bringt Stamm den Leser mit ruhigen Worten laut polternd auf den Boden der Tatsachen zurück. Agnes ist ein Buch, das über die Geschichte, die in ihm erzählt wird, hinaus ragt und auch über die Natur des Schreibens an sich erzählt.


____________________
Die Seitenangaben beziehen sich auf die 4. Auflage, die im Januar 2011 im Fischer Taschenbuch Verlag erschien. Erstveröffentlicht wurde der Roman 1998.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen